Sektorkopplungsstudie

Heute Hü, morgen Hott – EEG 2016 konterkariert das Klimaabkommen von Paris

Am heutigen Montag, 20. Juni, machen sich die 28 EU-Umweltminister bei einem Treffen in Luxemburg für die Ratifizierung des Klimaabkommens von Paris stark, darunter auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. Nur einen Tag später geht die Gesetzesvorlage für das EEG 2016 in die parlamentarische Beratung, darin wird das Ausbautempo für erneuerbare Energien festgelegt. Politik paradox: Denn wie eine aktuelle Studie der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin) nachweist, wird Deutschland mit diesem neuen EEG seine Klimaschutzverpflichtungen aus dem Pariser Abkommen weit verfehlen.

Prof. Dr. Volker Quaschning. Foto: Silke Reents
Prof. Dr. Volker Quaschning. Foto: Silke Reents

Um die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens einzuhalten, muss Deutschland erheblich mehr Ökostrom produzieren als bislang geplant. Das zeigt die Studie „Sektorkopplung durch die Energiewende“ der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin), die erstmals neben dem Stromsektor auch den Energiebedarf von Verkehr, Wärmeversorgung und Industrie einrechnete. Demnach braucht Deutschland spätestens im Jahr 2040 jährlich 1.320 Terawattstunden an erneuerbarem Strom. Das ist mehr als doppelt so viel wie heute. Der deutlich höhere Strombedarf entsteht nach der „Sektorkopplungsstudie“, weil auch Verkehr, Wärme und Industrie zum Erreichen der Klimaschutzziele in Deutschland von fossilen Energieträgern auf erneuerbaren Strom umschwenken müssen. „Mit den geringen Zubaukorridoren des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ist ein Einhalten der Paris-Ziele praktisch unmöglich. Entweder fehlt den politisch Verantwortlichen der nötige Sachverstand oder sie beabsichtigen das Klimaschutzabkommen gar nicht einzuhalten“, urteilte Studienleiter Prof. Dr. Volker Quaschning heute bei der Präsentation in Berlin.

Auf der Pressekonferenz in Berlin mit dabei: Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation von Greenpeace Energy, der die widersprüchliche Politik der Bundesregierung scharf kritisierte: „Binnen einer Woche treibt die Bundesregierung zwei verbindliche Rechtsakte voran, die sich inhaltlich komplett widersprechen“, sagte er, „das ist klimapolitische Schizophrenie“. Die Energiegenossenschaft ergänzte die HTW-Sektorkopplungsstudie um Berechnungen zum Bedarf an Langzeitspeichern für ein versorgungssicheres erneuerbares Energiesystem.

„Wir müssen die Wind- und Solarenergie drei bis sechs Mal schneller ausbauen als von der Bundesregierung geplant“, präzisierte Volker Quaschning die Ergebnisse seiner Forschungsgruppe Solarspeichersysteme an der HTW Berlin: Die Onshore-Windkraft müsse pro Jahr um 6,3 Gigawatt netto ausgebaut werden statt um 2,8 GW brutto, wie im EEG 2016 anvisiert. Bei der Photovoltaik seien jährlich sogar 15 GW erforderlich statt der im EEG vorgesehen 2,5 GW.

Neben ambitionierten Effizienzzielen zur Reduktion des Energieverbrauchs für alle Wirtschaftsbereiche und Privathaushalte listen die Experten detaillierte Maßnahmen auf, die Deutschland ergreifen müsse, um seinen Beitrag zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad Celsius zu leisten. So empfehlen sie bei der Wärmeversorgung einen zeitnahen Umstieg von Öl- und Gasheizungen sowie KWK-Anlagen auf effiziente Wärmepumpen. Erforderlich sei zudem ein rascher Abschied von fossilen Treibstoffen im Verkehrssektor, der 2040 fast vollständig elektrifiziert sein müsse. „Möglichst ab 2025 sollten in Deutschland deshalb keine Neufahrzeuge mit Verbrennungsmotoren mehr zugelassen werden“, erläuterte Quaschning.

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Stellten die neue Studie zusammen mit Prof. Quaschning in Berlin vor: Dr. Hermann Falk (Bundesverband Erneuerbare Energien), Marcel Keiffenheim (Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy). Foto: Christoph Rasch / Greenpeace Energy eG

Notwendig ist der Studie zufolge auch ein Ausstieg aus der Kohle bis zum Jahr 2030, da sie für den Großteil der CO2-Emissionen aus der Energiewirtschaft verantwortlich ist. „Um ohne Kohlestrom die nötige Versorgungssicherheit zu gewährleisten, brauchen wir Langzeitspeicher für erneuerbare Energien“, sagte Keiffenheim. „Dieses wichtige Thema ignoriert die Bundesregierung im EEG 2016 aber komplett.“

Die erforderliche Speicherkapazität, um in einem Energiesystem mit 100 Prozent Erneuerbaren auch längere Flauten und sonnenarme Phasen zu überbrücken, bietet nur Power-to-Gas. Dabei werden aus überschüssigem Wind- und Solarstrom Wasserstoff und Methan erzeugt. Die im vorhandenen Gasnetz speicherbaren Windgas-Mengen reichen aus, um die Stromversorgung für bis zu drei Monate zu sichern.

„Um den von Professor Quaschnings Team ermittelten Energiebedarf durch erneuerbare Speicher abzusichern, brauchen wir bis 2040 eine Elektrolyseurleistung von mindestens 80 Gigawatt, um den nötigen Wasserstoff zu erzeugen“, sagte Keiffenheim. „Für einen wirksamen Klimaschutz müssen wir jetzt damit beginnen, diese Kapazitäten aufzubauen.“

Greenpeace Energy treibt die Markteinführung dieser Technologie schon seit Jahren mit seinem klimafreundlichen Produkt proWindgas voran. Darin wird aus überschüssigem Windstrom per Elektrolyse erneuerbarer Wasserstoff produziert und Erdgas beigemischt. proWindgas-Kunden reduzieren so ihre CO2-Emissionen beim Heizen, Duschen und Kochen und helfen mit, die wichtige Technologie für eine erfolgreiche Energiewende weiterzuentwickeln.

Die „Sektorkopplungsstudie“ der HTW Berlin steht hier zum Download bereit.

Unter www.greenpeace-energy.de gibt es zusätzlich ein Factsheet mit zentralen Ergebnissen der HTW-Studie und zusätzlichen Berechnungen von Greenpeace Energy zum Bedarf an Langzeitspeichern (Windgas / Power to Gas) im Rahmen der Sektorkopplung.

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