Der diesjährige Energiekongress von Greenpeace Energy in Berlin: das waren für die mehr als 150 Gäste wieder einmal mehr als ein Dutzend Veranstaltungen – von intensiven Workshops über packende Vorträge und eine Theater-Performance bis hin zum Streitgespräch mit einem Vattenfall-Lobbyisten. Der alle zwei Jahre veranstaltete Kongress stand auch unter den Vorzeichen der aktuellen Auseinandersetzung um den Kohleausstieg.

Professor Volker Quaschning im Dialog mit Kongressteilnehmern. Alle Fotos: Christine Lutz / Greenpeace Energy eG

Wer bislang noch immer der Meinung war, der Klimawandel sei ein abstraktes Phänomen, dessen konkreten Folgen unklar sind, der hat noch keinen Vortrag von Volker Quaschning gehört. Der Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin (HTW) versteht es wie kaum ein anderer Wissenschaftler, eine zugegebenermaßen komplexe Materie wie die Klimaforschung und Handlungsoptionen der Politik anschaulich zu machen. Und so war Quaschnings Impulsvortrag „Warum wir eine echte Energierevolution brauchen“ der perfekte Einstieg in den Energiekongress 2018 von Greenpeace Energy, der in diesem Jahr in Berlin stattfand.

Konzentrierte Arbeitsatmosphäre im Workshop.

Die gut 150 Teilnehmer der Veranstaltung in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin wissen nun nicht nur, dass die vollständige Energiewende in Deutschland und weltweit nicht nur bis 2040 geschafft sein muss, wir also keinerlei Treibhausgase – vor allem kein CO2 – mehr ausstoßen dürfen. Sie wissen auch, dass beim derzeitigen Tempo die Energiewende tatsächlich erst im Jahr 2150 vollzogen wäre. Dann, soviel wurde ebenfalls klar, wären die Paris-Ziele nicht mehr erreichbar, also eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf maximal zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit, erst Recht nicht die eigentlich sogar notwendige Begrenzung auf 1,5 Grad. Die Folgen wären dramatisch, zeigte der HTW-Forscher: Ein Temperaturanstieg von z.B. drei Grad Celsius wäre so groß wie der von der Eiszeit vor 20.000 Jahren bis heute. Aber in einem drastisch höheren Tempo und bei sieben Milliarden Menschen auf der Erde – und gewaltigen Konsequenzen wie zum Beispiel Dürren, Meeresspiegelanstieg samt unbewohnbarer Küsten und darauf folgenden Flüchtlingsbewegungen.

Fotogalerie: Das war der Energiekongress 2018

Erstmals war Greenpeace Energy mit seinem Energiekongress in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin vertreten.

Volker Quaschning aber lässt seine Zuhörer nicht deprimiert zurück, sondern hat letztlich eine gute Nachricht: Obwohl ehrgeizig, ist das Ziel einer Energiewende bis 2040 noch immer erreichbar. Die nötigen Technologien sind bereits verfügbar und können eingesetzt werden. Zudem ist das nötige Tempo des Wandels weder finanziell noch gesellschaftspolitisch unrealistisch, wie er zeigte. Die Smartphone-Revolution mit all ihren technischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen vollzog sich binnen nicht einmal zwölf Jahren – und kostete und kostet jede/n Einzelne/n von uns mehr, als es eine erfolgreiche Energiewende tun würde. Volker Quaschnings Resümee: Wir können die Bewahrung unserer globalen Lebensgrundlagen also nicht nur in der zur Verfügung stehenden Zeit schaffen, wir können uns die Rettung unseres Planeten auch leisten. Und dies ohne echten Verlust an Lebensqualität. Sein emotionales Schlusswort: „Lassen sie uns zu den Helden unserer Enkelkinder werden!“

Von der weltweiten Energiewende bis zur Blockchain-Technologie

Auch die Grüne Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden diskutierte eifrig mit.

Nach der fulminanten Einstimmung durch Professor Quaschning ging es für die Kongressgäste aus ganz Deutschland in die verschiedenen Workshops, die teilweise ebenfalls prominent besetzt waren. So diskutierte die Grüne Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern über ihre Erfahrungen mit Energie-Lobbyisten im politischen Berlin. Und Stefan Schurig, Generalsekretär der F20-Stiftungsplattform und Senior Advisor beim World Future Council beleuchtete in seinem Workshop den Stand der Energiewende weltweit. In seinem analytischen Überblick hob er besonders hervor, dass der Energiesektor sich momentan von einer „vertikalen zu einer horizontalen Struktur“ entwickelt. Das heißt, dass immer mehr Akteure den Markt unter sich aufteilen werden und wir zunehmend von einer kommunalen Wertschöpfung profitieren können. Entscheidend für diese Transformation seien klare Ziele, so Schurig. In den Fokus rücken dabei vor allem die Ansätze, die von den Bürgerinnen und Bürgern selber stammen. Nur sie sind stark genug, die technischen und politischen Barrieren zu überwinden.

Der direkte Austausch zwischen Energiegenossenschaft und ihren Mitgliedern, Kundinnen und Kunden stand im Mittelpunkt.

Doch nicht nur die Energie- und Klimapolitik fand sich im Workshop-Programm wieder, sondern auch viele technische Themen – so wie beim Workshop zur Bedeutung der Blockchain-Technologie. Steht damit die nächste Revolution in der Energiewelt an? Manche Technik-Propheten sagen genau dies gerade voraus: Die Digitalisierung der Energiebranche und insbesondere die sogenannte Blockchain sollen völlig neue Geschäftsmodelle möglich machen – zum Beispiel eine direkte Lieferbeziehung von einer PV-Anlage auf dem Dach zum Nachbarn eine Straße weiter, der Grünstrom will. Vermittler, etwa Ökostromanbieter, würden dabei nicht mehr unbedingt benötigt. Geht es nun also auch Greenpeace Energy an den Kragen? Das wollten gut zwei Dutzend Interessierte im Workshop A3 zur „Digitalisierung der Energiewende“ erfahren. Referent Lukas Cremer arbeitet als Chief Technology Officer einer IT-Firma, die solche Software-Lösungen unter anderem für den Energiebereich entwirft, und stellte Praxisbeispiele vor. Noch allerdings gibt es hohe Hürden – von enorm stromfressenden Rechenverfahren über mangelnde Rechtssicherheit bis hin zu fehlender politischer Regulierung. Aktueller Hype oder echte Substanz? Das Ende von Stromanbietern wie Greenpeace Energy oder doch eher eine sinnvolle Ergänzung unserer Angebote? Das ließ sich in diesem Workshop aktuell noch nicht schlüssig klären. Greenpeace Energy würde aber einen Fehler machen, so der Eindruck der Teilnehmer, wenn es das potenziell folgenreiche Thema aus den Augen verlöre.

Vattenfall-Lobbyist stellt sich kritischen Fragen

Vattenfall-Lobbyist Vetter im Kreuzverhör.

Zum Abschluss des ganztägigen Kongresses gab es für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann noch ein besonderes Highlight: Ein moderiertes Streitgespräch mit Andreas Vetter, Lobbyist für den Vattenfall-Konzern in Berlin. Das Publikum konnte seine Fragen direkt an Vetter richten – und es zeigte sich, dass die manchmal etwas weitschweifigen Antworten des Konzernvertreters die Gäste dabei nicht immer befriedigten. Die Themen-Bandbreite der kritischen Nachfragen aus dem Publikum reichte dabei über die Endlagerung des Atommülls aus schwedischen Atomkraftwerken und die Schadenersatz-Klage Vattenfalls beim deutschen Atomausstieg über die Frage, warum sich der Konzern so schwer tut, seine Strom- bzw. Wärmenetze in Berlin und Hamburg aus den Händen zu geben – bis hin zu der Problematik, dass Vattenfall sich bei der verkauften Braunkohlesparte in der Lausitz offenbar nicht mehr verantwortlich dafür fühlt, dass das Geld für die Renaturierung der Tagebaue dort wohl nicht ausreichen wird.

Frage-Podium zum Kongress-Abschluss.

Eindruck im Publikum: Wirklich konkretisieren konnte Vetter die derzeitige Vattenfall-Kampagne „Fossilfrei in einer Generation“ nur begrenzt – etwa, was den geplanten Energiemix des Unternehmens für die Zukunft angeht. Dabei wurde auch deutlich, dass das Unternehmen  in vielen konkreten Fragen – wie der Perspektive seines Hamburger Kohlekraftwerks Moorburg oder der Verantwortung für die Situation in der Lausitz – trotz aller Beteuerungen noch weit davon entfernt ist, wirklich auf einen nachhaltigen und ökologischen Unternehmens-Kurs einzuschwenken. „Wege in eine grüne Energiezukunft“ sehen anders aus – und dafür gab es beim gleichnamigen Energiekongress in Berlin ja zum Glück eine ganze Reihe an guten Beispielen.

Info Das Programm des Energiekongresses können Sie hier noch einmal nachlesen. Die Vorträge von Volker Quaschning finden Sie online unter: https://www.volker-quaschning.de/publis/vortraege/index.php – oder auf Youtube: https://www.youtube.com/c/VolkerQuaschning