Die vom RWE-Konzern geplante Rodung des Hambacher Waldes und die damit verbundene Ausweitung des Braunkohle-Tagebaus empört viele Menschen – und viele fragen sich, was sie dagegen unternehmen können. Neben der Teilnahme an Demonstrationen und der Unterzeichnung von Protestresolutionen wird immer wieder auch der Wechsel zu einem echten Ökostromanbieter genannt. Doch: Was kann ich mit einem Wechsel eigentlich bewirken? Und auf welche Art von Stromprodukten sollte man umsteigen? Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy, erläutert im Interview die wichtigsten Fakten zum Stromwechsel aus Protest.

Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation. Foto: Enver Hirsch

Greenpeace Energy: Eine repräsentative Umfrage im Auftrag von Greenpeace Energy zeigte kürzlich, dass ein Drittel der Verbraucher aus Ärger über das Verhalten von RWE im Hambacher Wald einen Umstieg auf Ökostrom erwägt. Und viele Menschen haben diesen Schritt bereits in die Tat umgesetzt, auch Greenpeace Energy erlebt derzeit bis zu vier Mal höhere Neukundenzahlen als im Jahresdurchschnitt. Was genau bewirke ich denn mit einem Wechsel auf Ökostrom?

Marcel Keiffenheim: Ein solcher Anbieterwechsel ist zunächst einmal eine hervorragende Möglichkeit, seinen Protest gegen die destruktive Kohleverstromung kundzutun – denn der Wechsel tut Versorgern wie RWE weh. Ironischerweise hat der Konzern ausgerechnet in dem Jahr sein Endkunden-Geschäft an E.on verkauft. Das betrifft auch die zu RWE gehörenden Tochterfirmen und Strommarken wie etwa Innogy oder Eprimo. Aber: In trockenen Tüchern ist dieser Deal noch nicht. Es wird RWE durchaus schmerzen, wenn sich der eigene Teil dieses Geschäfts in Sachen Image und Kundenzahlen verschlechtert. Das ist mehr als bloßes „Abstrafen“ – sondern vielmehr die Chance dafür zu sorgen, dass RWE mit dem Willen der Verbraucher auch im Wortsinne rechnen muss.

GPE: Greenpeace Energy verzeichnet auch, dass Kunden nicht nur von den RWE-Ablegern kommen, sondern auch von deren konventionellen Wettbewerbern wie Vattenfall. Wie ist das zu erklären?

GPE-MitstreiterInnen auf der Demo gegen die Rodung des Hambacher Forsts.

Keiffenheim: Die Verbraucher wollen mit dem Stromwechsel ein Zeichen gegen konventionelle Stromerzeugung generell und für Erneuerbare setzen. Deshalb hat die Wechselwelle eben nicht nur RWE-Marken erfasst, sondern die konventionellen Anbieter insgesamt. Das ist ein wichtiger Impuls für die Branche: Wer seine Kunden behalten will, muss mehr für Erneuerbare tun.

GPE: Allerdings ist es ja auch entscheidend, wohin ich als Verbraucher wechsle – zu einem reinen Ökostrom-Anbieter, oder auf ein angebliches Grünstrom-Produkt eines ansonsten konventionellen Versorgers…

Keiffenheim: Ja, und leider verfolgen viele Stromversorger die Taktik, für so genannte „sensible Kunden“ Ökostrom-Tarife aufzulegen, während das Gros ihres Geschäftes weiterhin auf Atom und Kohle beruht. Das trifft auch auf RWE und E.on zu. Die Folge ist, dass zumindest ein Teil der Marge, die solche Anbieter an ihren Kunden verdienen, in konventionelle Energien fließt. Das ist in etwa so konsequent, wie als Vegetarier seine Lebensmittel beim Metzger zu kaufen. Stromwechsler sollten sich deshalb über ihren künftigen Anbieter erkundigen; solche Informationen halten beispielsweise Umweltorganisationen wie BUND oder Greenpeace bereit.

GPE: Woran erkennt der Laie denn, was „echter“ Ökostrom ist?

Keiffenheim: Leider ist Ökostrom kein gesetzlich geschützter Qualitätsbegriff. Und so gibt es zahlreiche Angebote, die zwar den Stempel „100 % erneuerbar“ führen dürfen, aber ansonsten für Klima und Energiewende nichts bringen. Greenpeace Energy hingegen arbeitet gemäß den besonders strengen Anforderungen der Umweltorganisation Greenpeace – und lässt deren Einhaltung unabhängig überwachen.

GPE: Welche Anforderungen sind das konkret?

Keiffenheim: Zunächst mal: Keine Geschäfte mit Atom- und Braunkohlekonzernen! Wer gerade mit dem Stromwechsel „Tschüss, RWE“ gesagt hat, will natürlich nicht, dass sein Geld über am Ende doch wieder bei den Falschen landet. Deshalb arbeitet Greenpeace Energy prinzipiell nicht mit Atom- und Braunkohlekonzernen oder deren Ablegern zusammen – auch, wenn diese erneuerbaren Energien anbieten. Und: Wir beschaffen unsere Energie ausschließlich von erneuerbaren Kraftwerken – ohne Zertifikate-Schwindel. Greenpeace Energy kauft den Strom für seine Kunden ausschließlich von Solar-, Wind- und Wasserkraftwerken in Deutschland und Österreich, die zuvor namentlich veröffentlicht wurden. Damit ist klar, dass wir den häufigen Trick nicht anwenden, einfach konventionellen Strom an der Börse zu kaufen und diesen dann anschließend mit Hilfe von frei handelbaren „Öko“-Zertifikaten „grün zu waschen“.

GPE: Diese Art der Strombeschaffung ist allerdings mit einem höheren Aufwand und höheren Kosten verbunden. Warum und wie nutzt diese Art des Einkaufs der Energiewende – und am Ende dem Klimaschutz?

Keiffenheim: Kein Ökokraftwerk, das Strom an Greenpeace Energy verkauft, darf gleichzeitig Förderung erhalten, weil das unfair gegenüber all den Verbrauchern wäre, die auch EEG-Umlage zahlen, aber den Strom nicht kriegen. Es gibt aber immer Windkraftanlagen in Österreich – und bald auch in Deutschland –, die gar keine Förderung mehr kriegen dürfen und ohne den Verkauf ihres Stroms Pleite gehen würden. Zwar ist Windstrom prinzipiell wettbewerbsfähig, aber die ständigen Preisschwankungen im Stromhandel sind für die Betreiber – häufig Bürgerenergiegenossenschaften und andere kleine Firmen – zu riskant. Greenpeace Energy kauft gezielt von solchen Erzeugern, damit die CO2-freie Stromerzeugung wirtschaftlich abgesichert ist. In Österreich und Deutschland ist die Rechtslage so, dass die Pleite älterer Windparks nicht durch vermehrten Zubau neuer Anlagen ausgeglichen wird. Die Lücke würde folglich konventionelle Stromerzeugung füllen. Wer zu Greenpeace Energy wechselt, hilft, dass das nicht passiert und die entsprechenden CO2-Emissionen vermieden werden.

GPE: Greenpeace Energy hebt auch einen besonders hohen Anteil von wetterabhängigen Energieträgern wie Wind und Sonne in seinem Strommix hervor. Warum spielt es eine so große Rolle, welche Ökoenergien hier zu welchen Anteilen vorhanden sind?

Greenpeace Ausstellung im Atrium des Greenpeace Büros in der Hamburger Hafencity. Im Erdgeschoss des Bürogebäudes informiert die Ausstellung über Themen, Kampagnen, Geschichte und Erfolge der Umweltschutzorganisation. Im vierten Stock sitzt die Energiegenossenschaft Greenpeace Energy. Foto: Dörthe Hagenguth / Greenpeace

Keiffenheim: Ein Ökoprodukt aus 100% Wasserkraft anbieten kann jeder, das ist nichts Besonderes mehr – und es bringt die Energiewende auch nicht voran, sich auf alte Wasserkraftwerke zu verlassen. Die eigentliche Herausforderung ist die Versorgung mit wetterbedingt schwankenden erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne. Weil in unserer erneuerbaren Zukunft jedoch der weitaus meiste Strom aus solchen Quellen kommen wird, müssen Anbieter lernen, aus der schwankenden Einspeisung eine sichere Versorgung zu schmieden. Greenpeace Energy ist hier Vorreiter in der Branche und hat aktuell einen Windkraft-Anteil von 50 Prozent – deutlich mehr als sogar die Greenpeace-Kriterien fordern.

GPE: Nicht nur ein hoher Windanteil kann wichtig sein, um einem Protest-Stromwechsel Wirkung zu verleihen. Mit dem Tarif „Solarstrom plus“ will Greenpeace Energy ja seit einem Jahr gezielt Erneuerbare in den Braunkohle-Regionen voranbringen. Wie funktioniert das?

Keiffenheim: Wer zum Tarif Solarstrom plus wechselt, legt beim Ökonutzen noch eine Schippe drauf. Diese Kunden erhalten mindestens 10 Prozent ihres Stroms von Solaranlagen, die direkt in den Braunkohlerevieren stehen. Mit einem Fördercent finanzieren die Kunden darüber hinaus den Bau weiterer Photovoltaikanlagen in der Region. Die Betreiber sind örtliche Genossenschaften; Anti-Braunkohle-Aktivisten und Initiativen. So gelangt das Geld der Kunden in die richtigen Hände und stärkt gezielt die Wertschöpfung vor Ort. Das stärkt gezielt in den Braunkohleregionen die erneuerbare Alternative und ist gleichzeitig Beitrag, den dort lebenden Menschen eine wirtschaftliche Perspektive zu eröffnen.

GPE: Abschließend: Wenn der Wechseltrend unter Stromkunden weiter anhält – könnte dieser am Ende auch ein Signal an die Politik aussenden?

Keiffenheim: Die politisch Handelnden in Deutschland wollen wiedergewählt werden und achten deshalb genau darauf, wie die Menschen auf die RWE-Pläne zur Zerstörung des Hambacher Waldes und den weiteren Braunkohleabbau reagieren: Was sagen die Umfragen? Wie viele Menschen beteiligen sich an Demonstrationen? Wie viele ziehen die Konsequenz und wechseln ihren Stromanbieter? Das zeigt, was ihre Wähler wünschen – und wie sehr sie es sich wünschen. Auf diese Weise kann der Stromwechsel durchaus dazu führen, dass sich die Politik traut, einen schnelleren Kohleausstieg gesetzlich zu verankern und den Ausbau erneuerbarer Energien entschlossener voranzutreiben, als dies bislang der Fall ist.