In diesem Buch, das bereits im vergangenen Oktober  erschienen ist, liefert Claude Turmes einen spannenden Blick hinter die Kulissen des politischen Getriebes auf EU-Ebene. Turmes war seit 1999 Mitglied im Europäischen Parlament und gehörte dort bislang dem Parlamentsausschuss für Industrie, Forschung und Energie an. Nun wechselt er zurück in sein Heimatland Luxemburg und wird dort Staatssekretär. In seiner Zeit als Abgeordneter war Claude Turmes an der Ausarbeitung bedeutender Gesetzgebungen der europäischen Energiewende beteiligt – und dieses Insiderwissen spiegelt sich eindrucksvoll auf den 384 Seiten des Buches wieder.

von Jörg Buntenbach

Buchcover. Foto: oekom Verlag, Foto oben: Europäisches Parlament

Im ersten Teil beleuchtet Turmes die Entwicklung der Energiewende in den letzten 15 Jahren, während er im zweiten Visionen für die Zukunft entwirft. Und wie in vielen Bereichen des Lebens wird auch hier deutlich, dass der Mensch kein rationales Wesen ist, sondern von eigener Gier, Macht und Besitzstandswahrung getrieben wird. Der maßgebliche gesamtgesellschaftliche Sinn einer Sache tritt dabei leider allzu oft in den Hintergrund. Das zeigen genügend Beispiele von großen Konzernen, die ihre Marktmacht im 20. Jahrhundert aufgebaut und den Sprung ins 21. Jahrhundert verpasst haben. So beschreibt Turmes das „Entsetzen“ der konventionellen Stromversorgungsunternehmen, deren Margen „wie Schnee in der Sonne schmelzen“, weil die Preise infolge bestehender Überkapazitäten sinken. Im Buch heißt es weiter:

„Tatsächlich ist die massive Erweiterung der Produktionskapazitäten für erneuerbare Energie (Windkraft und Photovoltaik) nicht mit einem entsprechenden Zurückfahren konventioneller Kapazitäten einhergegangen. Auch dieses Paradox geht auf die Widerstandskräfte der Oligopole zurück, die zweigleisig fahren. Zuerst verweigern sie den Marktaustritt ihrer alternden, längst amortisierten Kohlekraftwerke (RWE, Iberdrola, ENEL) und Kernkraftwerke (EDF, Engie), in der Hoffnung, sie bis zuletzt weiterbetreiben zu können. Gleichzeitig schlagen sie den Weg der Energiewende ein, jedoch nur außerhalb ihres heimischen Marktes, dessen Rendite sie eifersüchtig für sich beanspruchen.“

Claude Turmes liefert zahlreiche weitere Einblicke in, wie es im Text auf dem Buchrücken heißt, „teils erbittert geführte politische Kämpfe, die im Dienst der Energiewende zwischen den Architekten und den Konzernlobbyisten geführt wurden.“ Und er blickt nach vorne und erzählt von seinen Visionen vom „Weg zu 100 Prozent Ökostrom, von Nullemissionsgebäuden, lokalen Energielösungen und dem Einbeziehen der Bürger.“

Turmes sieht in der Energiewende eine Chance für Europa. Und da Wissenschaftler auf der ganzen Welt sich einig sind, dass der Klimawandel Realität ist, sollte man keine Sekunde zögern, die notwendigen Weichen zu stellen.

Info „Die Energiewende – eine Chance für Europa“ von Claude Turmes. 384 Seiten, oekom verlag München, 2017, ISBN-13: 978-3-96238-012-0, Preis: 25 Euro, Erhältlich auch als e-Book