c_ha_energiewende_3dFür Roger Hackstock hat die Energiewende „nicht nur mit Technik, sondern viel mit Menschen zu tun“. Mit den Solarpionieren der 80er Jahre etwa, mit überzeugten Energie-Genossenschaftlern oder Wissenschaftlern, die sich für saubere Energie-Alternativen einsetzen. Lebensgeschichten, die der Autor im Buch immer wieder anreißt und daran beispielhaft die Motivationen, Erfolge und Enttäuschungen der Ökostrom-Akteure erlebbar macht.

Doch Hackstock, der jahrelang Geschäftsführer des Branchenverbandes Austria Solar war und heute als Berater arbeitet, berichtet auch von eigenen, ganz persönlichen Aha-Erlebnissen: vom Wanderausflug aus Kindertagen auf Österreichs größten Gletscher, der durch den Klimawandel inzwischen arg zusammengetaut ist; vom Professor, der sich weigerte, Hackstocks Diplomarbeit über Windkraft anzunehmen, weil – so die Begründung – diese Technik „keine Zukunft“ habe.

Die menschlichen Begebenheiten, die sein Buch „Energiewende“ wie ein roter Faden durchziehen, bereichern diese kleine, gut lesbare Chronik der Energiewende ungemein – und sie schaffen einen lebensnahen Zugang zur eigentlichen Botschaft: Das fossile Energie-Zeitalter so schnell wie möglich zu beenden, um die Erderwärmung noch halbwegs in den Griff zu kriegen. Auch das fängt für Roger Hackstock bei jedem Einzelnen an: „Wir haben uns viele Dinge angewöhnt, die uns nicht gut tun und die allein durch billige fossile und atomare Energiequellen möglich geworden sind.“

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Buchautor Roger Hackstock war früher Geschäftsführer des Branchenverbandes Austria Solar. Foto: Paul Wilke

Unsere bisherige Auto-Mobilität etwa sollten wir auf den Prüfstand stellen, fordert er – und lieber auf Car-Sharing oder das Fahrrad setzen. Denn, rechnet er vor: auch ein Parkhaus voller Elektroautos bräuchte schon fast ein eigenes Kraftwerk, um all die Autobatterien wieder aufladen zu können. Der gelernte Ingenieur streut in seinem kompakten Überblick über den Energie-Umbau viele spannende technische Beispiele an – und zwar ohne den Laien zu überfordern: zur Frage etwa, wie sich Ökostrom in Zukunft im großen Stil speichern lässt, verweist er nach Dänemark, wo gigantische Photovoltaik-Anlagen direkt mit Blockheizkraftwerken und Wasserspeichern verbunden sind und so intelligente Fernwärmenetze entstehen.

„Energiewende“ ist ein sehr politisches Buch. Hackstock schreibt mit Sendungsbewusstsein, aber ohne Dünkel – und er hat konkrete Forderungen an Regierung und Branchen-Akteure: So fordert er von den Verbänden und großen Playern der Erneuerbaren-Szene, selbstbewusster die Regie für die Energiewende zu übernehmen – und damit auch die Verantwortung für eine sichere Energieversorgung als Ganzes. Und bei der Politik mahnt er zeitgemäßere Regeln und Rahmenbedingungen an: „Wir brauchen neue Wege der Vermarktung von Ökostrom, um den Vorteil der Erzeugung nahe am Verbraucher besser zu nutzen“, schreibt er etwa.

Wir haben uns viele Dinge angewöhnt, die uns nicht gut tun und die allein durch billige fossile und atomare Energiequellen möglich geworden sind.“ Roger Hackstock

Die Energiewende ist für Roger Hackstock ein Erfolgsmodell – er berichtet von ländlichen Regionen, in denen vor 15 Jahren noch kein Strom selbst erzeugt wurde – und die heute quasi energieautark sind. Doch angesichts des immer stärker werdenden Lobbydrucks der Konzerne warnt der Autor auch: die Energiewende darf nicht jenen überlassen werden, die ein wirtschaftliches Eigeninteresse an ihrer Verlangsamung haben – und die derzeit versuchen, das fossile Zeitalter durch Fracking und Ölsand-Abbau noch ein paar Jahre in die Länge zu ziehen.

„Energiewende – die Revolution hat schon begonnnen“
von Roger Hackstock
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 2014
224 Seiten, 22 Euro