Auch nach mehr als drei Jahrzehnten hinterlässt die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl Spuren – gerade auch bei den ganz jungen Menschen in der Region. Im Zentrum „Nadeshda“ (zu deutsch: „Hoffnung“) in Weißrussland/Belarus finden Kinder aus den von der Strahlung betroffenen Gebieten Erholung sowie medizinische und pädagogische Angebote. Seit Kurzem versorgt sich das Zentrum selbst fast autark mit Energie – unter anderem dank einer eigenen PV-Anlage. Greenpeace Energy konnte bei der Finanzierung der Anlage helfen – mehr als 30.000 Euro kamen über unser Kunden-werben-Kunden-Programm für den Bau zusammen. Wir sprachen mit Dr. Astrid Sahm, stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Leben nach Tschernobyl – Freunde des Gesundheits- und Bildungszentrums Nadeshda“, über die Bedeutung des Projektes in einer Zeit, da in Belarus wieder Atomkraftwerke geplant werden.

Frage: Frau Sahm, heute jährt sich erneut die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Wie erleben Sie persönlich diesen Tag?

Astrid Sahm. Foto: Olga Astapovich

Astrid Sahm: Dieses Jahr werde ich den Tschernobyl-Jahrestag in Charkiw verbringen, wo es eine Geschichtswerkstatt Tschernobyl gibt und die Assoziation der Designer „4. Block“ bereits zum 10. Mal aus diesem Anlass eine Triennale von Umweltplakaten mit zahlreichen künstlerischen Aktionen durchführt. Künstlerische Mittel sind eine sehr gute Möglichkeit, um Menschen auch 32 Jahre nach der Katastrophe noch zu vermitteln, welchen Einschnitt die Reaktorexplosion im AKW Tschernobyl am 26. April 1986 bedeutete. Für mich ist aus dieser Zeit vor allem in Erinnerung, welche Unsicherheit damals angesichts der widerstreitenden Stellungnahmen aus Politik und Wissenschaft in Deutschland herrschte, welche Lebensmittel nun noch essbar sind und ob Kinder im Sandkasten spielen sollen etc. Als ich 1989 im Rahmen einer politischen Pilgerfahrt anlässlich des 50. Jahrestags des Beginns des Zweiten Weltkriegs das erste Mal nach Belarus kam, war es für unsere dortigen Gesprächspartner hingegen ein Schock zu erfahren, welche Vorsichtsmaßnahmen in Deutschland allen politischen Auseinandersetzungen zum Trotz getroffen wurden – denn in Belarus erfuhren viele Menschen überhaupt erst in diesem Jahr, dass sie in radioaktiv verstrahlten Gebieten leben. Denn erst 1989 wurden erstmals Belastungskarten für die Öffentlichkeit zugänglich.

Und wie erinnert man sich in Weißrussland an diesen Tag?

In „Nadeshda“ findet heute eine Gedenkveranstaltung an die Tschernobyl-Katastrophe statt. Zudem sind Zeitzeugen der Katastrophe eingeladen, welche den Kindern über ihr persönliches Schicksal berichten. Insgesamt findet in Belarus kaum noch eine öffentliche Debatte über die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe statt. Das offizielle Gedenken gleicht in vielem der Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg: sie wird demnach als eine nationale Tragödie dargestellt, aus welcher das Land aber dank einer umsichtigen und konsequenten Politik siegreich hervorgegangen ist.

Im Nadeshda-Zentrum werden Kinder betreut, die aus den vom Super-GAU betroffenen Regionen stammen. Welche gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen hat die Katastrophe von damals heute noch auf das Leben dieser Kinder und ihrer Familien?

Auch die medizinische Arbeit gehört zu den Aufgaben des Zentrums. Foto: Kinderzentrum Nadeshda

Den offiziellen Angaben zufolge unterscheidet sich der Gesundheitszustand der Kinder in den Tschernobyl-Regionen nicht vom landesweiten Durchschnitt. Die Erfahrungen des Zentrums „Nadeshda“ sind jedoch andere: Über 60Prozent der Kinder, die über staatliche Programme zur Kur und Erholung nach „Nadeshda“ kommen, haben chronische Erkrankungen. Alle anderen brauchen dringend eine Stärkung ihres Immunsystems, um chronischen Erkrankungen vorzubeugen. Am häufigsten sind dabei Erkrankungen der Atemwege, des Magen-Darm-Trakts, des Herz-Kreislaufsystems sowie endokrinische und neurologische Erkrankungen. In den letzten Jahren haben zudem Augenerkrankungen deutlich zugenommen. Für die Kinder ist es besonders wichtig zu lernen, trotz ihrer chronischen Erkrankungen ein vollwertiges, aktives Leben zu führen sowie über ihr eigenes Verhalten ihren Gesundheitszustand positiv zu beeinflussen. Angesichts der verdrängten und unklaren Gefahrensituation am Wohnort zeigen zudem viele Kinder Verhaltensauffälligkeiten. Neben der medizinischen Behandlung spielt daher die pädagogische und psychologische Betreuung in „Nadeshda“ eine entscheidende Rolle.

Das heißt, der Bedarf, für Kinder aus diesen Regionen medizinische und andere Angebote zur Verfügung zu stellen, ist nach wie vor ungebrochen? Sehen das die staatlichen Stellen genauso – und wird Ihre Arbeit entsprechend unterstützt?

Ansicht des Zentrums: Foto: Kinderzentrum Nadeshda

Laut der geltenden Gesetzgebung haben alle Kinder, die in Gebieten mit einer radioaktiven Belastung von über 5 Curie Cäsium-137 pro km² leben, einen Anspruch auf eine vom Staat finanzierte mehrwöchige Kur. Dies sind derzeit noch etwa 135.000 Kinder. Der belarussische Staat hält bisher an diesen Erholungsmaßnahmen fest, da er darin offensichtlich ein effektives Mittel der Gesundheitsförderung der betroffenen Kinder sieht. Zugleich möchte er der Bevölkerung in den Tschernobyl-Regionen durch eine Streichung dieser etablierten Maßnahmen keinen Anlass für soziale Unzufriedenheit bieten. Allerdings wurde der Empfängerkreis der staatlich finanzierten Maßnahmen in den letzten Jahren kontinuierlich verkleinert. Neben „Nadeshda“ gibt es in Belarus noch acht weitere Rehabilitations- und Erholungszentren für Tschernobyl-Kinder, die vom belarussischen Staat seit Mitte der 1990er Jahre nach dem Vorbild von „Nadeshda“ aufgebaut wurden. Die nichtstaatlichen Träger und die Leitung von „Nadeshda“ haben es in der Vergangenheit stets auch als ihre Aufgabe verstanden, Mitarbeiter dieser staatlichen Zentren ebenfalls in Fortbildungsmaßnahmen und andere Veranstaltungen im Zentrum einzubeziehen. Dadurch konnten auch in diesen Zentren inhaltliche Impulse im Hinblick auf eine ganzheitliche, nicht nur auf medizinische Angebote setzende Betreuung gegeben werden. 

Ungeachtet der schwerwiegenden, bis heute andauernden Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl planen derzeit zahlreiche Staaten neue Atomkraftwerke – auch das autoritär regierte Weißrussland will einen neuen Meiler bauen. Haben die Menschen in der Region nicht die Nase voll von dieser Technologie und diesen Risiken?

Die Erholung steht für die Kinder aus den von der Reaktorkatastrophe betroffenen Gebieten im Vordergrund. Foto: Kinderzentrum Nadeshda

Bis Fukushima war auch im Westen bei vielen die Ansicht verbreitet, dass die Reaktorexplosion im AKW Tschernobyl lediglich dem politischen Versagen des sowjetischen Systems geschuldet ist. Dementsprechend wirkt in Belarus das Argument, dass es sich bei dem AKW um einen modernen, sicheren Typus handelt, für etliche Belarussen durchaus überzeugend. Hinzu kommt das Argument, das durch das AKW die Abhängigkeit von Gas- und Öllieferungen aus Russland verringert wird. Gleichwohl fühlen sich viele Menschen in Belarus unbehaglich bei dem Gedanken an das neue AKW. Und es ist sicher kein Zufall, dass die belarussische Führung entgegen früheren Ankündigungen sich nicht dazu entschlossen hat, ein Referendum über die Frage des AKW-Baus durchzuführen. Angesichts der politischen Rahmenbedingungen wagen es jedoch nur wenige, offen gegen das AKW-Projekt zu argumentieren oder gar zu protestieren – zumal gerade die Menschen am neuen AKW-Standort wirtschaftlich von dem Bau erst einmal profitieren.

Auch Nadeshda versucht, aktiv Alternativen zur riskanten Atomkraft aufzuzeigen: Nach drei Jahren Vorbereitungszeit ging im vergangenen August Ihre eigene PV-Anlage in Betrieb. Wie wichtig ist diese Anlage für das Zentrum?

Eröffnung der PV-Anlage. Foto: Olga Astapovich

Der Direktor des Kinderzentrums „Nadeshda“ hat die Inbetriebnahme der PV-Anlage in ihrer Bedeutung mit der Eröffnung des Zentrums im September 1994 gleichgesetzt. Denn die belarussischen und deutschen Träger von „Nadeshda“ haben das Zentrum seinerzeit gegründet, um den durch die Tschernobyl-Katastrophe betroffenen belarussischen Kindern eine Zukunftsperspektive in ihrem eigenen Land als einem Teil des gemeinsamen Hauses Europa zu geben. Die konzeptionelle Grundlage hierfür bildete eine ganzheitliche Gesundheitsförderung. Zudem war es von Anfang das Anliegen des Zentrums, seine Tätigkeit in Übereinstimmung mit den Grundsätzen einer nachhaltigen Entwicklung zu gestalten – und damit für alle sichtbare praktische Lehren aus der Tschernobyl-Katastrophe zu ziehen. Im Energiebereich lag der Akzent zunächst auf Energieeinsparmaßnahmen. In 2004 erfolgten dann mit der Installation einer kleinen thermischen Solaranlage und eines Holzkessels für die Warmwasserversorgung im Sommer die ersten Schritte im Einsatz von erneuerbaren Energien. Seitdem hat das Zentrum konsequent das Ziel verfolgt, eine 100-prozentige Eigenproduktion seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien zu gewährleisten. Die Inbetriebnahme der PV-Anlage stellt somit in gewissem Sinne die Vollendung der Gründungsidee des Zentrums „Nadeshda“ dar.      

Sie hatten für das Projekt Gesamtkosten von umgerechnet 840.000 Euro veranschlagt – lagen Sie damit am Ende im Plan?

Die Gesamtkosten lagen am Ende mit knapp 804.000 Euro sogar unter dem Plan. Dies wurde möglich dank der sorgfältigen Planung aller Beteiligten. Vor allem gelang es die Geländearbeiten und die Montage der PV-Anlage in einer Rekordzeit von zwei Monaten zu absolvieren. Hieran hatte die durch den Direktor von „Nadeshda“ erwirkte Erlaubnis der belarussischen Behörden, die aus Deutschland über die Firma MaxSolar gelieferten technischen Bestandtele der PV-Anlage bereits vor der Lieferung von den Zollgebühren zu befreien, einen wesentlichen Anteil. Denn dadurch konnte die PV-Anlage unmittelbar nach Anlieferung montiert werden – und musste nicht für einen Monat in einem Zolllager zwischengelagert werden, was zusätzliche Kosten verursacht hätte.

Dank der Anlage kann Nadeshda seinen Energiebedarf nahezu vollständig aus erneuerbaren Energien decken – und sogar überschüssigen Strom in das weißrussische Stromnetz einspeisen und erhält dafür eine Vergütung. Der Solarstrom ist also finanziell jetzt ein wichtiges Standbein für das Zentrum?

Die Anlage ist zu einem wichtigen Standbein des Kinderzentrums geworden. Foto: Olga Astapovich

Die PV-Anlage befindet sich knapp 15 km vom Kinderzentrum „Nadeshda“ entfernt. Daher wird der gesamte erzeugte Solarstrom in das Stromnetz eingespeist und vom Staat mit einem Koeffizienten von 1,7 vergütet. „Nadeshda“ ist damit das erste humanitäre Projekt in Belarus, das eine Einspeisevergütung vom Staat erhält. Dementsprechend hat sich das Zentrum gegenüber dem belarussischen Staat und allen Spendern verpflichtet, den gesamten Erlös aus dem Stromverkauf für die Weiterentwicklung der Angebote und der Infrastruktur des Zentrums zu verwenden. So werden beispielsweise zusätzliche pädagogische und psychologische Angebote des Zentrums ermöglicht, die über die staatlich finanzierten Tagessätze nicht abgedeckt sind. Zudem betreibt „Nadeshda“ eine ökologische Landwirtschaft, um die Kinder mit hochwertigen Lebensmitteln aus Eigenanbau zu versorgen. Auch hierfür muss das Zentrum Eigenmittel aufbringen, da der belarussische Staat nicht die Mehrkosten für die ökologische Erzeugung der Lebensmittel deckt. Die Erlöse aus der PV-Anlage erhöhen damit vor allem den Gestaltungsspielraum des Zentrums, innovative Ansätze und andere Pilotprojekte umzusetzen.    

Wirkt die Anlage darüber hinaus auch als Symbol in die Gesellschaft hinein – als Beleg dafür, dass eine Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien machbar ist?

Die Kraft der Sonne wurde bei der Einweihung gefeiert. Foto: Olga Astapovich

„Nadeshda“ ist die erste Einrichtung in Belarus, die ihren Energiebedarf faktisch zu 100% aus erneuerbaren Energien selbst erzeugt und zugleich konsequent ein umfassendes Umweltmanagement nach den EMAS-Standards betreibt. Dass eine bilanzielle Selbstversorgung einer so großen Einrichtung, die jährlich über 7.000 Kinder und Begleitpersonen aufnimmt, möglich ist, stellt für Belarus ein überaus wichtiges Symbol dar – und wird von vielen Menschen wahrgenommen. Denn die Umwelterziehung bildet ein wichtiges Element des Kur- und Erholungsprogramms. Zudem finden in „Nadeshda“ regelmäßig Exkursionen, Seminare und Konferenzen statt. So kamen beispielsweise im vergangenen Jahr Vertreter aus allen belarussischen Städten, die sich dem Konvent der Bürgermeister für Energie und Klima angeschlossen haben, zu einem Netzwerktreffen in „Nadeshda“ zusammen.    

Gelten Sie mit einem solchen Projekt in Weißrussland noch als „Exoten“? Oder beginnt nach Ihren Beobachtungen auch dort ein Umdenken dahingehend, die eigene Energieversorgung selbst in die Hand zu nehmen – und sich so am Ende doch von konventionellen Energieträgern wie der Atomkraft abzuwenden?

Montage neuer Stromzähler. Foto: Kinderzentrum Nadeshda

„Nadeshda“ ist bereits aus dem Grunde ein „Exot“, als es bis heute die einzige nicht ausschließlich vom Staat betriebene Einrichtung seiner Art in Belarus ist, die zudem als belarussisch-deutsches Partnerschaftsprojekt gestaltet wird. Die PV-Anlage festigt hingegen das Ansehen von „Nadeshda“ als einem innovativen Leuchtturmprojekt, das anderen Mut gibt, vergleichbare Projekte anzugehen. Gerade im ländlichen Raum gibt es aktive Menschen, die nach Wegen für eine dezentrale, eigenständige Energieversorgung suchen. Hierzu zählen beispielsweise die Eigentümer von Landtourismushöfen, von denen immer mehr ihre Häuser mit Solaranlagen ausstatten. Der Weg hin zu einer Abkehr von konventionellen Energieträgern ist jedoch noch weit – und auch in Deutschland hat er Jahrzehnte in Anspruch genommen.

Abschließend: Wie sind die Pläne von Nadeshda für die Zukunft – was die eigene Arbeit angeht, aber auch den eigenen Umgang mit Energie? Wird es hier weitere Projekte geben?

Derzeit ist es das Hauptanliegen von „Nadeshda“ zu einer durchgängig inklusiven Einrichtung zu werden. Denn seit Anfang 2017 nimmt das Zentrum ganzjährig auch Kinder mit Behinderung in Begleitung eines Elternteils auf. Neben der Gestaltung einer barrierefreien Infrastruktur ist dabei die Entwicklung von inklusiven pädagogischen Angeboten eine besondere Herausforderung. Denn für viele Kinder und Lehrer aus den Tschernobyl-Regionen ist das tägliche Zusammensein mit behinderten Kindern eine ganz neue Erfahrung, auf die viele zunächst zurückhaltend oder gar negativ reagieren. Um körperlich behinderten Kindern eine optimale Förderung zu geben, fehlt dem Zentrum zudem noch ein Schwimmbad. Mit der Inbetriebnahme eines Schwimmbads sind dann selbstverständlich neue Herausforderungen für das Energie- und Umweltmanagement des Zentrums verbunden.

Info Mehr zum Projekt unter www.freunde-nadeshda.de.