Unter dem Motto „Wege in eine grüne Energiezukunft“ lud Greenpeace Energy am 8. November zum Energiekongress in die Hamburger Hafencity. Verbraucher, Experten und Politiker diskutierten dort unter anderem über die Gerechtigkeit der Energiewende,  zeitgemäße Ökostrom-Angebote oder über die Macht von Kohle- und Atomlobby.

Jakob von Uexküll. Alle Fotos: Christine Lutz/Greenpeace Energy eG
Jakob von Uexküll eröffnete den Kongress mit einem leidenschaftlichen Impulsvortrag.  Alle Fotos: Christine Lutz/Greenpeace Energy eG

Gleich zu Beginn stand eine rhetorische Frage mit Sprengkraft: „Warum soll in einer modernen Energie-Infrastruktur das alte, zentralistische Geschäftsmodell der konventionellen Großversorger überhaupt weiter Bestand haben?“ fragte Jakob von Uexküll in die Runde seiner mehr als 120 Zuhörer. Der Initiator des World Future Council und Stifter des Alternativen Nobelpreises eröffnete mit seinem kritischen Impulsvortrag den von Greenpeace Energy ausgerichteten Energiekongress in Hamburg. Für den deutschen Energiemarkt mahnte Uexküll  darin ein grundsätzliches Umdenken an. „Die Energiewende ist nicht zu teuer“, sagte er, „teuer ist höchstens, dass wir den größten Teil der Energie aus Wind und Sonne ungenutzt lassen. Zu teuer ist vor allem, dass noch immer noch viel mehr öffentliche Gelder in fossile Brennstoffe fließen als in den Ausbau der erneuerbaren Energien.“

Vom Klimafeind Kohle bis hin zu zeitgemäßem Ökostrom

141108_Energiekongress_c_Christine_Lutz (14)
Brainstorming: Teilnehmer eines Kongress-Workshops.

Gastredner von Uexküll gab mit seinem Vortrag  die Richtung vor für einen Tag ganz im Zeichen leidenschaftlicher energiepolitischen Debatten. Diskutiert und referiert wurde in zehn Workshops zu aktuellen Fragen: Warum können die großen Energiekonzerne mit billiger – und klimafeindlicher – Kohle noch immer ungehindert satte Gewinne einfahren? Wie geht es trotz der jüngsten konzernfreundlichen EEG-Reform weiter mit der Energiewende? Und wie steht es wirklich um die rechtlichen Grundlagen und realen Gefahren der Fracking-Technologie?

141108_Energiekongress_c_Christine_Lutz (10)
Wenn ich Energieminister wär‘: Raum für Visionen und Gedankenspiele gehörte ebenfalls zum Programm des Energiekongresses.

Die Vorträge, Präsentationen, Zwiegespräche und Diskussionen auf dem Kongress zeigten auch: Die Energiewende ist trotz aller Erfolge kein Selbstläufer, noch immer stammen zwei Drittel unseres Stroms aus Kohle- und Atomkraftwerken. Und die Lobby der konventionellen Energieversorger ist nach wie vor mächtig, viele sehen hierzulande die Beteiligung der Bürgerenergie ernsthaft in Gefahr oder befürchten international eine Renaissance von Kohle- und Atomkraft. Deutschland sei zwar ein viel beachtetes Vorreiter-Land, doch „jeder noch so kleine Fehler im erneuerbaren Energiesektor wird in anderen Ländern hochgespielt und als Ausrede benutzt, um die dortige Energieumstellung hinauszuzögern“, warnte Kumi Naidoo, Chef von Greenpeace International in einer Videobotschaft für den Energiekongress.

Die Energiewende ist erfolgreich – aber kein Selbstläufer

Seit 2004 richtet Greenpeace Energy regelmäßig Energiekongresse aus. Die beliebten Branchen-Foren waren im Zweijahresrythmus bereits in Berlin, Köln/Bonn oder Mannheim zu Gast. Der Kongress 2014 war der erste im Neubau-Domizil, das sich Greenpeace Energy  mit Greenpeace Deutschland in der Hamburger Hafencity teilt. Und: Der Treffpunkt zwischen Kunden, Mitgliedern, Wissenschaftlern und Politikern stand auch im Zeichen des 15-jährigen Jubiläums von Deutschlands größter Energiegenossenschaft.

141108_Energiekongress_c_Christine_Lutz (33)
Buntes Programm: Schwergewichtige Energiethemen wurden vom Improvisationstheater locker auf den Punkt gebracht.

Deren Vorstände Nils Müller und Sönke Tangermann ließen anderthalb Jahrzehnte erfolgreiches Engagement für die Erneuerbaren Revue passieren: „Greenpeace Energy ist der Beweis, dass der Einklang von Ökonomie und Ökologie tatsächlich möglich ist“, so Müller, „wir sind Anbieter, Akteur und Aktivist in einem – und das zeigt sich auch in unserer politischen Arbeit.“ Ein Beispiel dafür konnte Vorstandskollege Tangermann sogleich ergänzen: „Wir fordern die Bundesregierung auf, gemeinsam mit anderen gegen die exorbitanten Subventitionen für den geplanten AKW-Neubau Hinkley Point C in Großbritannien zu klagen.“ Am Morgen des Kongresstages hatte Greenpeace Energy deshalb eine entsprechende Petition beim Deutschen Bundestag eingereicht. Der geplante Reaktorbau ein England soll mit umgerechnet 11 Cent für 35 Jahre gefördert werden. Das ist mehr, als die meisten erneuerbaren Energien erhalten. Die EU-Kommission hatte die Beihilfe vor wenigen Wochen genehmigt.

„Die Erneuerbaren sind nicht der wahre Kostentreiber“

141108_Energiekongress_c_Christine_Lutz (42)
Gerechtigkeits-Debatte auf dem Podium: Greenpeace-Energy-Vorstand Sönke Tangermann (Mitte), Professor Uwe Leprich (rechts).

Spannend wurde es noch einmal am späten Nachmittag, als sich eine prominent besetzte Podiumsdiskussion der Frage widmete, wie „gerecht“ die Energiewende eigentlich ist – angesichts von gesunkenen Börsen-Strompreisen, die aber von vielen großen Versorgern nicht an ihre Kunden weitergegeben werden. Doch bei der vom ARD-Energieexperten Jürgen Döschner moderierten Diskussionsrunde in Hamburg wurde die übliche – und oft von den Medien breitgetretene – Stromkosten-Debatte auch deutlich relativiert: „Ein durchschnittlicher Haushalt zahlt 2,5 Prozent seines Einkommens für Strom – das ist so viel wie die Handyrechnung“, sagte Professor Uwe Leprich vom Institut für ZukunftsEnergieSystem (IZES) – und ergänzte:  Die Strompreise seien nicht stärker gestiegen als andere Energie- und Treibstoffkosten. „Trotzdem diskutieren wir unverständlicherweise seit Jahren nur über die Strompreise“, so Leprich.

141108_Energiekongress_c_ChristineLutz (440)
Grünen-Fraktionschefs Anton Hofreiter, BDEW-Präsident Johannes Kempmann (v.l.n.r.)

„Die erneuerbaren Energien sind auch nicht der wahre Treiber für steigende Stromkosten“, warf Greenpeace-Energy-Vorstand Sönke Tangermann ein – und fragte: „warum werden die versteckten Kosten und Subventionen der konventionellen Energieträger wie Kohle und Atom in der Debatte immer wieder bewusst ausblendet?“ Wissenschaftler Uwe Leprich konnte das nur bestätigen: „Ein Energiesystem auf der Basis der Erneuerbaren ist volkswirtschaftlich günstiger als die Fortschreibung des heutigen Systems.“

Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen im Bundestag, sprach sich am Ende dafür aus, das Phänomen der „Stromarmut“ grundsätzlicher zu bekämpfen als über Sondertarife für sozial Schwache, „nämlich mit einer konsequenteren Besteuerung und Umverteilung von Vermögen.“ Und Johannes Kempmann, Präsident des mächtigen Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) verteidigte zwar die Rabatte für die deutsche Großindustrie bei der EEG-Umlage, die dann von allen Verbrauchern getragen werden müssen. Kempmann räumte allerdings ein: „Wir müssen den CO2-Handel in Europa dringend reformieren, Klimagas-Emissionen müssen Geld kosten.“ Immerhin, ein bisschen Konsens in einer kontroversen Debatte.

Eine umfangreiche Audio-Dokumentation vom Energiekongress 2014 finden Sie auf den Greencast-Seiten von Greenpeace Berlin.