Als Vertreter von Greenpeace sitzt Geschäftsführer Martin Kaiser in der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung – kurz Kohlekommission genannt. Im Interview haben wir ihn zu seinen Erfahrungen in der Kommission befragt und wie es seiner Meinung nach im nächsten Jahr – nach der Kommission – mit dem Thema Braunkohle weitergeht.

„Kein Wald, kein Dorf, keine Kirche dürfen mehr für klimaschädliche Kohle geopfert werden“, fordert Greenpeace-Geschäftsführer Kaiser auf der Kundgebung.
© Bernd Lauter / Greenpeace

Frage: Für Kritiker wird die Kohlekommission von einer Kohlelobby aus Industrie und Politik dominiert. Wie gehen Klimaschützer damit um?

Martin Kaiser: Eine Empfehlung der Kohlekommission wird nur dann für die Bundesregierung durchsetzbar sein, wenn alle darin vertretenen Interessengruppen das Ergebnis mittragen. Greenpeace sitzt zusammen mit Tagebau-Anrainern aus dem Rheinischen Revier und der Lausitz sowie zwei weiteren Umweltorganisationen in der Kohlekommission – in Vertretung von vielen Millionen Menschen in Deutschland. Ohne uns wird es keinen tragfähigen gesellschaftlichen Konsens zum Kohleausstieg geben. Für uns ist klar: Naturgesetze gelten auch für Deutschland. Atmosphärenphysik ist nicht verhandelbar.

Frage: Ist dann also alles klar, wenn die Kommission ein Enddatum für die Kohleverstromung benannt hat?

Martin Kaiser: Neben dem Ausstiegsdatum ist es notwendig, dass bereits in den nächsten drei Jahren etwa 17 Gigawatt der dreckigsten Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden. Dazu sollten auch die Kraftwerke gehören, die den Hambacher Wald bedrohen. Denn mit jedem Jahr wird mehr CO2 in der Atmosphäre akkumuliert. Je eher wir anfangen, die CO2-Emissionen aus der Kohleverfeuerung zu reduzieren, desto besser kann auch der Strukturwandel gestaltet werden, ob in der Lausitz, im Rheinischen oder im Mitteldeutschen Revier. Im Jahr 2030 könnte das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen.

Frage: Was muss passieren, damit solche Pläne wirksam umgesetzt werden?

Martin Kaiser: Die hoffentlich klar formulierten Konsensempfehlungen der Kohlekommission wird die Bundesregierung in Gesetze und Verordnungen gießen müssen sowie finanzielle Anreize für den nötigen Wandel schaffen. Parallel zum Ende der Kohle muss der Ausbau der Erneuerbaren beschleunigt werden.

Frage: Was müssen wir außerdem noch für den Kohleausstieg tun?

Martin Kaiser: Jede und jeder kann sich mit einem Wechsel des Stromanbieters zügig von den Kohlestrom- Konzernen verabschieden und echten Ökostrom beziehen. Dadurch könnte sich der Ausstieg aus der Verbrennung von Kohle noch einmal deutlich beschleunigen.

Frage: Die Braunkohle-Befürworter argumentieren, der Umstieg in die Erneuerbaren werde viel zu teuer.

Martin Kaiser: Die Folgen einer Klimaerwärmung über 1,5 Grad sind nicht nur ein finanzielles, sondern vor allem ein humanitäres Problem. Aber auch die Kosten des Klimawandels sind schon jetzt hoch und werden immens steigen. Nach diesem Hitzesommer ist jeder investierte Euro in saubere Energieträger eine Investition in die Zukunft. Strom aus Wasser, Wind und Sonne ist bereits günstiger als fossile Energie, die sich nicht mehr oder fast nicht mehr rentiert.