Für Greenpeace Energy ist es ein echter Meilenstein. Deutschlands größte Energiegenossenschaft hat die Qualitätsstandards für seinen Ökostrom weiterentwickelt. Kernpunkt: Die Kunden bekommen künftig einen garantierten Mindestanteil besonders umweltfreundlichen Ökostroms aus „wetterabhängigen“ Quellen wie Wind oder Sonne. Dieser Anteil soll 2015 bereits mindestens 10 Prozent betragen und jährlich wachsen. Daneben verpflichtet sich der Hamburger Ökostrom-Anbieter zu einem konkreten Extra-Engagement zum Gelingen der Energiewende. Was neu ist an den Kriterien und warum die Modernisierung nötig war, das erklärt Greenpeace-Energy-Vorstand Sönke Tangermann im Interview.

Frage: Herr Tangermann, Greenpeace Energy hat die Standards für seinen Ökostrom grundlegend modernisiert. Welche Qualitätsmerkmale sind neu?

Tangermann: Unsere neuen Qualitätsstandards geben das Ziel vor, einen jährlichen Mindestanteil von Ökostrom aus so genannten „fluktuierenden“, wetterabhängigen Energiequellen – also Wind- oder Sonnenkraft – in unseren Mix aufzunehmen. Der Anteil dieser besonders umweltfreundlichen Erzeugungsarten wird ab 1. Januar 2015 bei 10 Prozent liegen und pro Jahr um zwei Prozentpunkte steigen. Daneben verpflichten wir uns zu einem besonderen Engagement für weitere Instrumente und Maßnahmen, die zum Gelingen der Energiewende beitragen. Dazu gehören zum Beispiel dezentrale Versorgungskonzepte. Entsprechende Maßnahmen werden wir regelmäßig transparent benennen.

Frage: Greenpeace Energy hat sich jahrelang auf seine strengen Ökostrom-Standards berufen. Warum wurden diese jetzt geändert?

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Greenpeace-Energy-Vorstand Sönke Tangermann. Foto: Enver Hirsch / Greenpeace Energy eG

Tangermann: Weil sich die Energiewende weiterentwickelt hat und wir heute vor ganz anderen Herausforderungen stehen als noch vor einigen Jahren. Neue Ökostrom-Anlagen entstehen zumindest derzeit vor allem dank des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG). Hier wollten Ökostrom-Angebote ebenfalls einen Beitrag leisten. Der „Neuanlagen-Effekt“ wurde deshalb aus den vielen Nutzeffekten, die gute Ökostrom-Angebote bewirken, besonders hervorgehoben. Nun attestieren Wissenschaftler jedoch, dass sich der „Neuanlagen-Effekt“ nicht in erhofftem Umfang eingestellt hat. Greenpeace Energy sieht die Kritik als im Kern berechtigt und reagiert darauf: Künftig ist nicht mehr der Ausbau der erneuerbaren Energien vorrangiges Ziel – sondern die Integration immer größerer Anteile von Wind- bzw. Sonnenenergie. Weil dies die zentrale Herausforderung der Energiewende in den kommenden Jahren darstellt, können wir das Geld unserer Kunden hier sehr viel effektiver einsetzen, um die Energiewende voranzutreiben.

Frage: Die Qualitätsstandards von Greenpeace Energy beruhen ja eigentlich auf den „Kriterien für sauberen Strom“ der Umweltschutzorganisation Greenpeace…

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Greenpeace Energy steigert mit den neuen Kriterien den Anteil wetterabhängiger Erzeugungsarten deutlich. Grafik: Carsten Raffel / Greenpeace Energy eG

Tangermann: Auch Greenpeace Deutschland sieht in der immer größeren Einbindung von Wind und Sonne eine zentrale energiewirtschaftliche Herausforderung der Zukunft. Greenpeace hat deshalb seine Kriterien auch entsprechend angepasst. Und, ja: Diese Kriterien bleiben auch in Zukunft die maßgebliche Richtschnur für die Qualitätsstandards von Greenpeace Energy.

Frage: Schauen wir uns die Kriterien im Einzelnen an. Warum ist ein Mindestanteil von 10 Prozent Wind- oder Sonnenstrom „ambitioniert“?

Tangermann: Ökostrom aus Windkraft- oder Photovoltaik-Anlagen ist in Deutschland am Markt deutlich teurer als etwa Strom aus Wasserkraft. Zugleich muss ein Versorger Zusatzkosten tragen, etwa für Prognosen und den Ausgleich von Schwankungen. Ein Mindestanteil von 10 Prozent ist deshalb ein Kompromiss aus „so viel Wind- bzw. Sonnenstrom wie möglich“ und der Notwendigkeit, dass dieser Strom für die Kunden bezahlbar bleibt. Und: Trotz gestiegener Qualität konnten wir für 2015 die Preise für unseren Ökostrom sogar senken!

Frage: Bislang war das so genannte „Neuanlagen-Kriterium“ Schwerpunkt der Ökostrom-Qualität. Verabschiedet sich Greenpeace Energy mit den neuen Standards vom bisherigen Ziel der Förderung neuer Wind- und Solarkraftwerke über die Stromrechnung?

2006: Planet energy nimmt im niedersächsischen Soltau die erste eigene Windkraftanlage in Betrieb.
Bau von Windkraftanlagen durch die Tochtergesellschaft Planet Energy im niedersächsischen Soltau 2006.

Tangermann: Nein. Wir werden auch in Zukunft den Bau neuer Ökostrom-Anlagen dadurch unterstützen, dass wir mit ihnen direkte Lieferverträge abschließen. Wir werden zudem über unsere Tochtergesellschaft Planet energy auch weiterhin eigene Anlagen bauen und diese in unser Portfolio aufnehmen. Diese Ziele bleiben erhalten – mit der Integration immer größerer Mengen Wind- bzw. Sonnenkraft rückt aber ein anderes Ziel ganz nach vorne.

Frage: Des beste Ökostrom ist ja immer derjenige, der den ökologischen Umbau unserer Energieversorgung voranbringt. Welchen Nutzen haben die neuen Kriterien für die Energiewende?

Tangermann: Der wesentliche Nutzen für die Energiewende ist, dass Greenpeace Energy zum Ausgleich von Schwankungen des wetterabhängigen Ökostroms Instrumente einsetzen, erproben und weiterentwickeln wird, die langfristig für den ökologischen Umbau unseres Energiesystems unerlässlich werden. Dazu gehören zum Beispiel Lastverschiebung oder Speichertechnologien. Darüber hinaus verlangen die neuen Kriterien von Greenpeace Energy einen erheblichen Einsatz auch auf weiteren Gebieten. Dazu gehören der Aufbau dezentraler Versorgungskonzepte und energiepolitische Arbeit für eine schnellere Energiewende.

Frage: Und was hat der Ökostromkunde von den neuen Qualitätsstandards?

Tangermann: Die Kunden von Greenpeace Energy haben die Gewissheit, einen garantierten Anteil ihres Ökostroms aus besonders umweltfreundlichen Erzeugungsarten wie Wind bzw. Sonne zu beziehen. Eine von uns im Frühjahr 2014 in Auftrag gegebene EMNID-Umfrage zeigte, dass mehr als 80 Prozent der Verbraucher direkt mit Strom aus Wind- und Solarkraftwerken beliefert werden wollen. Diesem Verbraucherwunsch kommen wir nach. Die Kunden haben zudem die Gewissheit, ihr Strombezug mit einen besonderen Einsatz zum Gelingen der Energiewende verbunden ist

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Trotz Schwankungen bei Wind und Wetter sorgt Greenpeace Energy für eine sichere und direkte Versorgung der Kunden. Foto: Sabine Vielmo / Greenpeace Energy eG

Frage: Und ganz konkret gefragt: Woher kommt der von Greenpeace Energy genutzte Windstrom 2015?

Tangermann: Der von uns für 2015 eingeplante Windstromanteil umfasst rund 40 Gigawattstunden und wird etwa zu gleichen Teilen in deutschen und österreichischen Windkraftanlagen produziert. Windstrom aus Österreich erfüllt die gleichen ökologischen Voraussetzungen und kann physisch ins deutsche Netz eingespeist werden, ist aber etwas günstiger in der Beschaffung.

INFO Mehr Informationen zu den neuen Qualitätsstandards von Greenpeace Energy finden Sie unter www.greenpeace-energy.de/stromqualitaet. Die aktuellen „Kriterien für sauberen Strom“ hat Greenpeace Deutschland unter http://gpurl.de/SaubererStrom veröffentlicht.