In unserer Serie blicken wir auf AKW-Standorte, die von einer Subventionsentscheidung für Hinkley Point C profitieren könnten. Auch in Tschechien ist das der Fall – denn das Land will den Anteil der Atomkraft an der Energieerzeugung auf mindestens 50 Prozent erhöhen. Das dortige Atomkraftwerk Temelin – benannt nach der benachbarten Gemeinde und eines von zwei AKWs im Land – könnte dann erweitert werden. Doch bereits seit der Inbetriebnahme des ersten von aktuell zwei Reaktorblöcken im Jahr 2000 sorgt Temelin über die Landesgrenzen hinweg immer wieder für Besorgnis und Widerstand.

Von Falk Künstler

Die besondere Aufmerksamkeit für den AKW-Standort erklärt sich nicht allein durch die unmittelbare Nähe zu Deutschland (60 km) und Österreich (50 km). Vielmehr sorgen ständig neu aufkommende Pannenmeldungen, Zweifel an der Vorschriftsmäßigkeit der Konstruktion, ein intransparentes Verhalten des Betreibers und der tschechischen Regierung, sowie aktuelle Erweiterungspläne für Kopfzerbrechen.

Der ursprüngliche Plan zum Bau des Kernkraftwerks aus dem Jahr 1980 sah die Errichtung von vier Druckwasserreaktoren des Typs WWER-1000/320 vor. Zehn Jahre später entschied die tschechische Regierung jedoch aus wirtschaftlichen Gründen, nur zwei der geplanten Reaktoren mit einer gesamten Nettoleistung von 1926 Megawatt (MW) zu bauen. Österreich bestand auf eine Überprüfung und Beurteilung des AKWs anhand europäischer Umwelt- und Sicherheitsstandards als Grundvoraussetzung für eine Inbetriebnahme und machte sogar seine Haltung bezüglich eines EU-Beitritts von Tschechien von dessen Kompromissfähigkeit im Bezug auf das AKW Temelin abhängig.

GP0POW
Das AKW Temelin. Fotos: Wartha / Greenpeace (oben); Pavel Horejsi / Greenpeace

Die dennoch im Jahr 2000 folgende Übereinkunft beider Regierungen unter Einbindung der Europäischen Kommission sind Ergebnisse des so genannten „Melkprozesses“ – benannt nach dem österreichischen Verhandlungsort Melk. Man einigte sich auf die Durchführung einer Sicherheitsprüfung der Kraftwerke unter europäischer Aufsicht, auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) im Sinne der Espoo-Konvention für Projekte mit grenzüberschreitenden Auswirkungen sowie auf eine frühzeitige und umfangreiche Offenlegung aller relevanten Ereignisse im Kraftwerk Temelin.

Fehler bei Arbeiten am Reaktordruckbehälter

Im Jahr 2000 gab ein Zeuge Informationen an Greenpeace weiter, nach denen beim Bau des ersten Reaktorblocks bedeutende Fehler an den Schweißarbeiten des Reaktordruckbehälters stattgefunden haben sollen. Genauer gesagt, soll ein seitlich verkehrt angebrachtes Rohr abgetrennt und in richtiger Position erneut angeschweißt worden sein, ohne die geltenden Herstellungsvorschriften beachtet zu haben.

Ein Fehler an dieser sicherheitstechnisch relevanten Stelle würde das Risiko für einen Bruch der Schweißnaht, gerade bei Störfällen, um damit den Austritt von Radioaktivität deutlich erhöhen. Der Betreiber ČEZ als auch die tschechische Atomaufsichtsbehörde (SUJB) bestreiten den Vorfall nach wie vor. Trotz intensiver Bemühen von Greenpeace und weiteren Akteuren bleibt der Vorfall bis heute ungeklärt. ČEZ und SUJB verwickelten sich während des Aufklärungsprozesses in diverse Widersprüche. ČEZ sagte aus, dass die erforderliche Dokumentation der Schweißarbeiten nur teilweise vorhanden, aber öffentlich unzugänglich sei. Die SUJB-Präsidentin erklärte 2001 gegenüber Greenpeace hingegen, dass ein entsprechender Prüfungsbericht erstellt, jedoch nachträglich aufgrund eines angeblich anders lautenden Untersuchungsauftrages vernichtet worden sei.

GP04QM1
Gefährlicher Atom-Dino: Proteste gegen die tschechichen Ausbaupläne in Wien. Foto: Astrid Bartl / Greenpeace

Den ersten Reaktorblock konnte der tschechische Betreiber ČEZ im Jahr 2000, den zweiten 2003 – nach Fertigstellung durch das amerikanische Unternehmen Westinghouse – in Betrieb nehmen. Bereits 2007 plante ČEZ, das Kraftwerk um zwei Reaktoren zu erweitern, da dies gegenüber einem Neubau als günstigere Variante erschien. 2010 und 2012 folgte deshalb eine zweistufige erneute UVP für die geplanten Reaktoren 3 und 4. Ähnlich wie im Falle des ungarischen AKWs Paks II sollte diese die Beteiligung der Öffentlichkeit in Tschechien, Österreich, Polen, der Slowakei und Deutschland ermöglichen.

Von deutscher offizieller Seite beteiligten sich die Bundesländer Bayern und Sachsen – das Bundesumweltministerium wollte sich im Verfahren nicht äußern. Allein in Deutschland nahmen rund 40.000 Beteiligte Stellung. Ergebnis der UVP war letztlich trotzdem die Bewilligung des Baus durch das tschechische Umweltministerium. In den folgenden Jahren begleiteten Proteste zahlreicher Gegner auf österreichischer, bayerischer aber auch tschechischer Seite die Entwicklungen um Temelin.

Mängel beim Katastrophenschutz

Dafür sorgen nicht zuletzt die immer wieder auftretenden Pannen und Störfälle, nach denen einer der Reaktorblöcke vom Netz genommen worden musste. Die österreichische Umweltschutzorganisation Global 2000 beziffert die Vorfälle seit der Inbetriebnahme Temelins mit etwa 90. Erst Anfang Juli sorgte ein Zwischenfall erneut für Aufmerksamkeit: Über ein Leck im Dampferzeuger von Block 2 wurde Radioaktivität freigesetzt, woraufhin der Reaktor heruntergefahren wurde. Bekannt wurde die „Störung“ allerdings erst zwei Tage danach. In diesem Monat, gerade zwei Wochen nach dem erneuten Anlaufen des Reaktorblocks, musste dieser durch einen Defekt an einem Generator erneut vom Netz genommen werden.

Weiterhin zeigte der grenzübergreifende Katastrophenschutz – zuletzt bei einem Zugunglück als Übungsszenario erprobt – gravierende Mängel in der Alarmierungskette auf. Auch die aktuelle personelle und materielle Ausstattung entspricht keineswegs den Anforderungen aus entsprechenden Katastrophenschutzplänen.

Energiekonzept: Die Hälfte des tschechischen Stroms soll aus Atomkraft stammen

Zwar hat der Betreiber ČEZ 2014 die öffentliche Ausschreibung zurückgezogen. Ein Ausbau Temelins ist jedoch noch nicht vom Tisch. Zum einen hat auch die staatliche Atombehörde (SUJB) einem Ausbau des Kraftwerks mit zwei Blöcken mit jeweils bis zu 1700 MW zugestimmt, zum anderen sieht das kürzlich verabschiedete tschechische Energiekonzept bis zum Jahr 2040 eine Erhöhung des Anteils von Atomkraft auf mindestens 50 Prozent der Energieversorgung vor.Empfohlen wird dabei der Ausbau der bestehenden AKWs Dukovany und Temelin, auch wenn Tschechien nach wie vor keine geeigneten Standorte für ein Atommüllendlager finden konnte. Bis 2025 soll dieser Ort gefunden werden.

Zur Prüfung steht unter anderem das südböhmische Cihadlo, dass von der österreichischen Grenze dann nur noch 20 Kilometer entfernt ist. Österreich erwägt unterdessen, sich – für den Fall eines staatlich subventionierten Baues in Temelin oder einer fixen Einspeisevergütung – rechtlich gegen eine entsprechende Entscheidung zu wehren. Infrage käme eine Klage gegen die Genehmigung von Wettbewerbsbeihilfen, analog zum Gerichtsverfahren um Hinkley Point C. Der Ausbau des englischen AKWs ist somit auch für Tschechien zum Präzedenzfall geworden. Oberösterreichs Umweltlandesrat Rudi Anschober kommentiert: „Gelingt es uns, die Subvention für Hinkley Point zu stoppen, dann wird es auch für Temelin keine Subventionen geben.“