Es fühlt sich merkwürdig an, wenn einem das mächtige Objektiv einer Kinofilm-Kamera aus nächster Nähe ins Gesicht starrt. Wenn sich Passanten anschleichen, weil sie neugierig sind, wer denn da von einem vierköpfigen Filmteam befragt wird. Oder wenn nur ein paar Schritte entfernt Soldaten mit Tarnuniform und Gewehren patrouillieren, die Anschläge auf die nahe EU-Kommission verhindern sollen.

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NO POINT-Kampagnenlogo mit Kommentaren von Kundgebungsteilnehmern. Fotos: Michael Friedrich / Greenpeac Energy eG

Dreharbeiten im Kinoformat sind auch für einen Greenpeace-Energy-Vorstand eine eher seltene Erfahrung. „Das war schon spannend“, erzählt Sönke Tangermann von seiner Reise nach Brüssel, wo er sich Ende März für den Dokumentarfilm „Change – Ein deutsches Energiemärchen“ interviewen ließ. Drehort war der vom Verkehr umtoste Rond-Point Robert Schuman. Direkt am Hauptsitz der EU-Kommssion hatten sich europäische Energiewende-Aktivisten zu einer Protestkundgebung gegen die von der EU-Kommission genehmigten Subventions-Milliarden für den geplanten britischen AKW-Neubau Hinkley Point C versammelt.

Gleich drei Kamerateams filmten die Aktion am sternförmigen Berlaymont-Gebäude, von dem – passend zum Thema – ein riesiges Werbebanner für die von der EU geplante „Europäische Energie-Union“ herabhing. Welche Art von Energie-Union dies werden soll, ist die entscheidende Frage. Sönke Tangermann hatte darauf eine klare Antwort: „Eine Energie-Union, in der Atomkraft und Kohle weiterhin eine Rolle spielen, darf es nicht geben, die Zukunft gehört den Erneuerbaren“, sagte er in Brüssel.

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Carl A. Fechner vor der Protestbühne in Brüssel.

Carl-A. Fechner – der Regisseur von „Change“ – interessierte sich besonders für die angekündigte Klage von Greenpeace Energy gegen die EU-Kommission, denn Widerstand gegen die Atomkraft und ein unbeirrbarer Kampf für die Energiewende sind Themen seines Films, der Anfang 2016 ins Kino kommen soll. „Der hoch subventionierte Atomstrom aus Hinkley Point wird den europäischen Wettbewerb spürbar verzerren und ökologisch engagierte Stromanbieter benachteiligen“, sagte Tangermann, „dagegen werden wir uns wehren, auch juristisch.“ Deshalb reicht Greenpeace Energy Klage beim Gericht der Europäischen Union in Luxemburg ein.

Die „No Point“-Kampagne von Greenpeace Energy gegen Hinkley Point C fanden wiederum die Organisatoren der Kundgebung so inspirierend, dass sie deren Logo gleich auf ein großes Protestbanner druckten. „Es ist toll, wenn es die Energiewende ins Kino schafft und viele Menschen bewegt“, sagt Sönke Tangermann, „aber ehrlich gesagt: Auch wenn das Interview rund lief, war es doch schön, als mir die Filmcrew schließlich wieder vom Leibe rückte.“

Text: Michael Friedrich

INFO Carl-A. Fechner ist auch Produzent und Regisseur der im Kino erfolgreichen Dokumentation „Die 4. Revolution – Energy Autonomy“. Weitere Informationen unter www.germanenergiewende-derfilm.de