Vom Dach zum Nachbarhaus: Direkter Stromhandel zwischen Bürgern ist bisher noch Zukunftsmusik, weil Abgaben und bürokratische Hürden diesem dezentralen Austausch im Wege stehen. Doch das ließe sich ändern, sagt ein neues Impulspapier  des Analyseinstituts Energy Brainpool, das das Bündnis Bürgerenergie (BBEn) heute in Berlin vorstellte. Marcel Keiffenheim ist Aufsichtsrat im BBEn und Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy. Im Interview erklärt er das Modell.

Frage: ‚Bürgerstromhandel‘ – was bedeutet das eigentlich?

Keiffenheim: Bürgerstromhandel kann eine super Sache für ganz viele Menschen werden, wenn wir sie durchsetzen können. Es wird möglich, dass Nachbarn untereinander Strom handeln. Wenn einer mit Photovoltaik etwas mehr Strom produziert als er braucht, dann kann er das an seine Nachbarn abgeben – und dann haben alle etwas davon.

Frage: Warum funktioniert dieser Handel heute noch nicht?

Keiffenheim: Heute ist es so, dass ein Bürger, der in seinem eigenen Haus wohnt, seine eigene Photovoltaikanlage auf dem Dach hat, den Strom direkt von dort beziehen und ihn selbst in seinem Haus verbrauchen kann. Das ist für ihn auch günstiger, als wenn er den Strom aus dem Netz bezieht. Das ist aber ein Vorteil, den heute nur Eigenheimbesitzer selbst haben – und neuerdings in gewissem Umfang auch deren Mieter. Wenn allerdings nebenan ein Nachbar in einem anderen Haus wohnt, so kann dieser nur Strom von einem Energieversorgungsunternehmen beziehen, das ist eben heute so vorgeschrieben. Und was nicht möglich ist, was wir möglich machen wollen, ist, dass der Strom vom einen Nachbarn zum anderen gehandelt werden kann.

So könnte der Bürgerstromhandel funktionieren. Grafik: Energy Brainpool; Foto oben: fotolia, Alberto Masnovo

Frage: Aber wie ließe sich dieser direkte Handel ermöglichen?

Keiffenheim: Dafür gibt es verschiedene Varianten. Zum einen können sich die Nachbarn direkt einigen und den Handel untereinander vereinbaren. Es ist aber auch möglich, dass es eine dritte Instanz gibt, eine Plattform – quasi wie eine Art Kleinanzeigenmarkt. Dass derjenige mit der eigenen PV-Anlage sagt: ‚Ich habe gerade mehr Strom als ich brauche, ich biete das dort an‘ – und der Nachbar sieht dieses Angebot und sagt: ‚Ach, in meiner Nähe gibt es erneuerbaren Strom, den ich günstig kriegen kann, der greift zu – und dann läuft der Handel über diese Plattform.

Frage: Und Energieversorger wie Greenpeace Energy? Wie können die den Bürgerstromhandel unterstützen?

Photovoltaik-Anlage auf dem Dach vom Frise-Haus, Hamburg, Altona, 01.09.2016 Foto / ©: Sabine Vielmo
Eine Photovoltaik-Anlage in Hamburg. Die direkte Belieferung von Nachbarhäusern hätte gleich mehrfachen Nutzen. Foto: Sabine Vielmo / Greenpeace Energy eG

Keiffenheim: Die kommen vor allem beim dritten Handels-Weg ins Spiel. Dabei bahnt ein Energieversorgungsunternehmen den Handel zwischen den beiden Bürgern an – und liefert zudem die nötigen Reststrommengen, weil ja keine von beiden Parteien sich ausschließlich mit dem Sonnenstrom versorgen kann – zum Beispiel, weil er ja nur tagsüber da ist und nicht auch nachts. Und um den Bürgerstromhandel energiewirtschaftlich sauber abzuwickeln gibt es auch gewisse Pflichten, die erfüllt werden müssen – eine ist die so genannte Bilanzkreistreue: Dass man also darauf achtet, dass immer so viel Strom eingespeist wird, wie auch tatsächlich verbraucht wird. Irgendjemand muss dafür die Verantwortung übernehmen. Und das können nicht die beiden Nachbarn machen, sondern Profis.

Frage: Welche Vorteile bietet der Bürgerstromhandel – und für wen?

Keiffenheim: Der Verkäufer hat den Vorteil, dass er seine Photovoltaik-Anlage besser einsetzen kann, mehr Strom wird vor Ort verbraucht – das rechnet sich. Der Käufer hat den Vorteil, dass er vor Ort günstig erzeugten Erneuerbaren-Strom direkt nutzen kann. Das spart für ihn Geld auf der Stromrechnung. Die Allgemeinheit hat etwas davon, weil der Bürgerstromhandel die EEG-Umlage entlastet – das EEG wird günstiger –, und gleichzeitig werden die Verteilnetze in den Städten so besser genutzt, so dass die Netzkosten geringer werden. Unterm Strich wird die Energiewende effizienter und günstiger durch diesen Vorschlag.

INFO Das Impulspapier zum Bürgerstromhandel finden Sie hier zum Download. Einen Kommentar zur politischen Umsetzung der Bürgerstrom-Rechte können Sie hier finden.