Das Bündnis Bürgerenergie (BBEn) wird zur Aktionsplattform der Energie-Engagierten: Am Wochenende trafen sich in Fulda lokale Akteure sowie Vertreter von Energie-Genossenschaften und Initiativen zum zweitägigen BBEn-Konvent. Kontakte knüpfen und Informationsaustausch standen bei diesem Bundestreffen der Bürgerenergie ebenso auf der Tagesordnung wie die Wahl eines „Energie-Rats“. Greenpeace Energy als BBEn-Mitglied informierte in Fulda über den Stand der Dinge beim Thema Ausschreibungen.

Für die Bürgerenergie ist es ein heißes Eisen: Ab 2017 müssen neue geförderte Ökostrom-Projekte ausgeschrieben werden. Doch wer bekommt dann am Ende den Zuschlag für eine Windkraft- oder Photovoltaik-Anlage? Für lokale Initiativen, Bürgerenergie-Gesellschaften oder Genossenschaften kann der direkte Wettbewerb mit großen Konzernen künftig schwierig bis unmöglich werden, warnt Marcel Keiffenheim, Leiter Energiepolitik bei Greenpeace Energy.

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Marcel Keiffenheim informierte über das geplante Ausschreibungsdesign.

„Große Anbieter sind hier klar im Vorteil“, sagte Keiffenheim beim BBEn-Konvent in Fulda: Für eine 1-Megawatt-Anlage muss ein Bieter mit Kosten von rund 50.000 Euro kalkulieren. Ist ein Bieter aber finanziell dazu in der Lage, Großprojekte mit einer Leistung von 25 Megawatt zu planen, so sinken seine Kosten auf 11.000 Euro pro Megawatt.

Der Greenpeace-Energy-Experte unterstrich in Fulda deshalb seine Forderung nach einem Ausschreibungsdesign, das ein Wettbewerbssegment allein für die Bürgerenergie reserviert. Dieses Konzept hat Deutschlands größte Energie-Genossenschaft auch in einer offiziellen Stellungnahme an das zuständige Bundeswirtschaftsministerium deutlich gemacht.

Wettbewerbsschutz für die Bürgerenergie

Ein solches „geschütztes“ Kontingent für Bieter aus der Bürgerenergie könnte flexibel mitwachsen – je nachdem, wie viele Anlagen tatsächlich gebaut werden – und einen Anteil von 30,40 oder 50 Megawatt vom geplanten Ausschreibungs-Kuchen umfassen. Ob der Vorschlag von der Politik aufgegriffen wird, bleibt abzuwarten. In den kommenden Wochen soll ein erster Entwurf für die Ausschreibungsregeln vorgestellt werden. „Die Regeln, die das Bundeswirtschaftsministerium derzeit modellhaft nur für PV-Freiflächenanlagen entwickelt, sind die Blaupause für spätere Ausschreibungen auch bei Windkraft an Land oder Photovoltaik auf Dächern“, betonte Keiffenheim.

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Die 130 Konvent-Teilnehmer diskutierten lebhaft.

Wettbewerbsschutz für die Bürgerenergie – nur ein Thema, über das lebhaft diskutiert wurde beim Konvent, den das Bündnis Bürgerenergie am 17. Und 18. Oktober im Fuldaer Tagungszentrum abhielt. Trotz bundesweitem Lokführerstreik am Tagungs-Wochenende waren 130 Vertreter aus ganz Deutschland angereist. Menschen, die mit PV-Anlagen auf dem Dach oder einer Windkraftanlage in der Gemeinde die Energiewende von unten repräsentieren. Diese Bürgerenergie-Akteure – weit über 800 Initiativen, Genossenschaften und Bürger-Gesellschaften gibt es bundesweit – sind allerdings nur wenig untereinander vernetzt.

Skeptischer Blick auf EEG und KAGB

In Fulda konnten sich die Energiebürger ausgiebig austauschen, miteinander diskutieren und dazulernen – etwa bei Neuerungen im Kapitalanlagegesetzbuch (KAGB), die vielen Bürgerenergie-Gesellschaften Sorgen bereiten. Bei diesem Thema standen den Teilnehmern gleich mehrere Referenten mit Strategie-Empfehlungen und Praxistipps zur Seite. Auch die regionale Stromvermarktung, unterschiedliche Kooperationsformen, Wärme oder Netze waren Themen von Workshops und Vorträgen. Das Interesse der Teilnehmer war dabei ebenso groß wie die Verunsicherung derselben über neue Vorgaben durch die Politik.

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Zeit für Zwiegespräche: Josef Göppel mit Ursula Sladek (EWS) und Marcel Keiffenheim.

Skeptisch blickten Gastredner wie der Bundestagsabgeordnete Josef Göppel auf die Folgen der jüngsten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG): „Ich sorge mich um die Bürgerbeteiligung“, sagte der CSU-Umweltpolitiker nicht nur mit Blick auf die neuen Ausschreibungsregeln. Als „Perversion“ bezeichnete es Göppel zudem, „dass Energie aus Strom und Wind nach dem EEG zu Strom unbekannter Herkunft wird“. Der Parlamentarier forderte deshalb: „Eine echte Direktvermarktung muss vom Erzeuger direkt zum Endkunden führen.“

Damit griff Josef Göppel die Forderung nach einem Vermarktungsmodell auf, das Greenpeace Energy zusammen mit anderen Branchenakteuren als Ergänzung zum EEG fordert – das Grünstrom-Markt-Modell. Von diesem Konzept der direkten Belieferung mit Grünstrom an die Verbraucher würden auch Bürger-Akteure profitieren, weil sie durch das Modell die Wertigkeit ihrer Ökostrom-Anlagen erhöhen können.

„Die Deutschen wollen die Energiewende“
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Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell gehört zu den geistigen Vätern des ursprünglichen EEG.

Das politische Ringen um eine ökologische Direktvermarktung, neue Ausschreibungs- oder Finanzregeln: Die Akteure der Bürgerenergie stehen für die Zukunft vor zahlreichen Herausforderungen. Mut machte da der mitreißende Vortrag von Hans-Josef Fell am Abend des ersten Konvent-Tages: „Die Deutschen wollen immer noch den Umstieg auf Erneuerbare – trotz aller Kampagnen und Lobby-Arbeit der Energiewende-Gegner“, sprach der ehemalige Grüne Bundestagsabgeordnete und Präsident der Energy Watch Group vielen der Anwesenden aus der Seele.

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Der frisch gewählte Energie-Rat. Foto: BBEn

Gewählt wurde auf dem Konvent außerdem ein wichtiges Gremium, das künftig die Arbeit des BBEn aus Praktiker-Perspektive ergänzen und begleitet: Ein „Energie-Rat“ soll dem Vorstand des Bündnisses beratend zur Seite stehen. „Wir werden uns durch den Rat verstärken“, sagte BBEn-Vorstandsmitglied Dietmar Freiherr von Blittersdorf. In das Gremium wurden am Sonntag die Bürgerenergie-Vertreter Weert Canzler, Kai Hock, Horst Leithoff, Jakob R. Müller, Luise Neumann-Cosel, Erhard Renz, Felix Benjamin Schäfer und Stefanie Usbeck gewählt.

Mehr zum Konvent finden Sie beim Bündnis Bürgerenergie sowie in der Berichterstattung von  www.klimaretter.info.