Bislang ist es in Deutschland eindeutig: Wer Ökostrom an Kunden  verkauft, darf für die gelieferte Strommenge nicht auch noch EEG-Förderung kassieren. Nun aber könnte dieses Prinzip über eine neue EU-Richtlinie infrage gestellt werden. Greenpeace Energy warnt hier schon seit Längerem vor drohendem Greenwashing. So auch bei einer Konferenz des Umweltbundesamtes in der vergangenen Woche.

Vor allem die EU-Kommission will durchsetzen, dass Herkunftsnachweise – quasi Geburtsurkunden für jede Megawattstunde Ökostrom – europaweit auch für geförderten Strom aus erneuerbaren Energien ausgegeben werden – also in Deutschland für Strommengen, die über das EEG finanziert werden. Diese Zertifikate sollen nach dem Willen der Kommission dann per Auktion verkauft werden. „Das aber würde bedeuten, dass der Strommarkt mit diesen Nachweisen überschwemmt wird und dies zu einem massiven Preisverfall führt“, warnt Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy. Auf Einladung des Umweltbundesamtes (UBA), das für den Umgang mit Herkunftsnachweisen in Deutschland zuständig ist, war Keiffenheim Anfang der Woche nach Dessau gekommen, um die Bedenken der Energiegenossenschaft einem Fachpublikum zu erläutern.

Blick in den Tagungssaal. Fotos (2): Umweltbundesamt

Kern des Problems: Wenn die Herkunftsnachweise quasi kaum noch etwas wert sind, können sich Unternehmen oder einzelne Energieversorger massenhaft mit den Ökostrom-Zertifikaten eindecken und sich quasi zum Nulltarif grünwaschen – während Verbraucherinnen und Verbraucher per EEG-Umlage weiterhin für das Gros der Kosten geförderter Ökostrom-Anlagen aufkommen müssten. Aus Sicht von Greenpeace Energy wäre das nicht nur ungerecht, sondern auch schädlich für die Energiewende: „Das hieße, dass die Qualitätsmarke Ökostrom an Relevanz verliert, was auch die Erwartungen der Verbraucherinnen und Verbraucher enttäuschen und sogar Misstrauen schüren würde“, so Keiffenheim in Dessau. In den dortigen Diskussionsrunden wurde deutlich, dass auch die deutsche Politik die Brisanz eines solchen EU-Vorstoßes offenbar erkannt hat.

Die Zeit drängt: Voraussichtlich bis zum Sommer wollen sich EU-Kommission, der Rat der Mitgliedsstaaten und das Europäische Parlament auf eine Neuordnung des Herkunftsnachweis-Systems einigen. Während das Parlament die Ausweitung auf EEG-Neuanlagen begrenzen will, hat der Rat eine Ausnahme-Option für Mitgliedsländer vorgeschlagen: Somit könnten diese entscheiden, ob sie ebenfalls Zertifikate für geförderten Ökostrom auf den Markt bringen wollen oder nicht. „Ein solcher Vorschlag wäre immerhin ein realistischer Kompromiss, der den deutschen Ökostrommarkt vor drohenden Verwerfungen schützen würde“, sagt Marcel Keiffenheim.