Wie sieht der Energiemarkt der Zukunft aus, wie verändern sich die Bedürfnisse der Verbraucher und die technischen Rahmenbedingungen – und wie müssen sich Versorgungsunternehmen auf diesen Wandel einstellen? Dieser Fragenkomplex war ein bestimmendes Thema auf der 25. Handelsblatt Jahrestagung Energiewirtschaft, die heute in Berlin zu Ende gegangen ist.

1,6 Millionen Erneuerbare-Energien-Anlagen – vom kleinen Solardach bis zum Offshore-Windpark – speisen ihren Strom inzwischen ins deutsche Netz ein. „Wir sind so etwas wie das Reallabor der Energiewende“, sagt Boris Schucht vom Netzbetreiber 50Hertz. Bisher funktioniert das, auch wenn Wind und Sonne mal nicht zur Verfügung stehen – die durchschnittlichen Blackout-Zeiten in Deutschland liegen bei weniger als zehn Minuten. Aber, sagte Schucht im Konferenz-Streitgespräch: „Wir müssen auch in Zukunft dafür sorgen, dass unser Stromsystem stabil bleibt.“ Dass es Engpässe und Überschüsse auch bei weiter steigenden Erneuerbaren-Anteilen gut managen kann. Etwa durch „flexible Speicher“ – ein Begriff, der sich wie ein roter Faden durch viele Vorträge, Debatten und Zwiegespräche auf der Berliner Branchenkonferenz zog.

Streitgespräch: (v.r.n.l.) 50Hertz-Chef Boris Schucht, Handelsblatt-Korrespondent Klaus Stratmann, E-Energie Vorstand Josef Hasler. Fotos (4): Christoph Rasch / Greenpeace Energy eG

Immer wieder kamen die Diskutanten dabei auf die Bedeutung der Power-to-Gas- oder Windgas-Technologie für die Weiterentwicklung der Energiewende zu sprechen. Dabei wird Strom aus Erneuerbaren-Anlagen dazu genutzt, um per Elektrolyse Wasserstoff herzustellen – und diesen zu speichern oder zu verbrauchen. Auf dem Podium gab es kaum einen Dissens darüber, dass diese Technologie unabdingbar für die Vollendung der Energiewende sei, ein „Transmitter für die neue Energiewelt“ sei. „Dass Windgas inzwischen ein fester Bestandteil der Zukunftsdebatten ist, ist ein schöner Erfolg für Greenpeace Energy und alle Kundinnen und Kunden, die den 2011 eingeführte proWindgas-Tarif nutzen“, kommentiert Marcel Keiffenheim von Greenpeace Energy. Die Energiegenossenschaft habe ganz früh die Bedeutung der Technologie erkannt und mit dem Fördertarif Windgas politisch wie marktlich entscheidend vorangebracht.

Marcel Keiffenheim von Greenpeace Energy war in den vergangenen Jahren immer wieder zu Gast auf der Handelsblatt-Konferenz, hier 2014. Foto: Luca Abbiento

„Wir steuern auf ein System zu, in der wir Gigawatt-Kapazitäten an Elektrolyseuren bauen müssen. Jetzt kommt es aber darauf an, jetzt die Weichen dafür zu stellen – und dann auch die Herstellung bei uns in Deutschland zu halten“, sagte Hans-Martin Henning, Institutsleiter beim Fraunhofer ISE. Aber: Der Wasserstoff müsse auch in Deutschland produziert und verbraucht werden – man braucht, war der Wissenschaftler überzeugt, funktionierende Heimatmärkte. „Die erleichtern eine erfolgreiche Entwicklung dieser Technologie, auch weil die Partnerschaft von Forschung und Wirtschaft dann viel besser funktioniert.“

Angesichts der demnächst beginnenden Koalitionsverhandlungen wurden auf der Handelsblatt-Energiekonferenz vom Podium aus auch immer wieder Forderungen an die Politik formuliert: So sei das Thema Digitalisierung bisher in den Sondierungsverhandlungen sträflich vernachlässigt worden. Zudem brauche es verbindliche Ziele für Klimaschutz und Energiewende – und Letztere müsse auch von der Politik konsequent sektoren-übergreifend gedacht werden. Sprich: Die Energiewende darf nicht mehr nur auf dem Stromsektor stattfinden, sondern auf Mobilität- und Wärmebereich ausgeweitet werden.

Die Handelsblatt-Konferenz widmete sich auch dem Thema E-Mobilität. Vor dem Eingang präsentierten sichallerdings Fahrradrikschas,

Ob dies nun in ein so genanntes „All-electric“-Szenario mündet, in dem alle anderen Energieträger durch Strom ersetzt werden oder nicht – das sorgte auf der Konferenz für so manche Diskussion. Klar ist, dass bei der angestrebten „Sektorenkopplung“ noch einige praktische Hindernisse zu überwinden sind. So wies Prof. Dr Wolf Ketter vom Energiewirtschaftlichen Institut der Uni Köln (ewi) auf mögliche Herausforderungen einer großflächigen Elektromobilität hin: „Wenn ich zu viele E-Autos in meiner Nachbarschaft gleichzeitig voll aufladen muss, kriege ich in Zukunft Probleme im Netz.“ Hier seien intelligente Lösungen gefragt – etwa computergesteuerte Ladevorgänge, die je nach individuellem Bedarf des Fahrers kleinere oder größere Strommengen einkaufen. „Ich fahre ja auch nicht mit meinem Benziner jeden Tag zur Tankstelle und mache den Tank randvoll“, so Ketter. Umdenken sei also gefragt, zur Energiewende gehöre, dass auch die Verbraucher ihr Verhalten anpassen – unterstützt durch neue, digitale Möglichkeiten.

Ein Zwischenfazit: Die Energiewelt der Zukunft, sie dürfte immer mehr in Richtung einer flexibilisierten „Social Community“ gehen, dürfte immer mobiler werden – und immer stärker auf digitale Cloud-Infrastrukturen zurückgreifen. Wie aber sollten sich Energieversorgungsunternehmen (EVU) schon heute auf diese Entwicklungen einstellen? „EVUs sollten ihr Geschäft stärker denn je als Plattform verstehen, auf der sie künftig Anbieter und Konsumenten zusammenbringen“, sagt Prof. Dr. Norbert Schwieters, Energie-Experte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC.

Blick in den großen Konferenzsaal.

Dafür müssten sich auch die Unternehmen allerdings umbauen – und aktuelle Branchenumfragen zeigen, dass die Mehrheit der Versorger das auch vorhat, hin zu neuen Strukturen: Mehr Kollaboration – etwa mit externen Partnern aus dem IT-Bereich, einem intelligenteren und sensiblen Umgang mit den Verbraucherdaten oder die Nutzung neuer Finanzierungsmodelle, bei denen die Produktpreise auch die aufwändige Bereithaltung von Infrastruktur widerspiegeln. Schwieters ist überzeugt: „Energieversorger wird es in Zukunft weiterhin geben, auch wenn Prosumenten untereinander selbständig PV-Strom vom eigenen Dach handeln können – allerdings müssen die Unternehmen Ihre Relevanz in dem neuen System auch stärker deutlich machen als bisher“ – als Innovatoren mit ökologischer Ausrichtung, als smarte Vermittlungsplattformen, als zuverlässige Infrastruktur-Dienstleister.

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