Janne Andresen, Referentin für Energiepolitik bei Greenpeace Energy, sprach anlässlich des Tages der Erneuerbaren Energien 2014 mit dem Internetportal toptarif über Klimaschutz-Aspekte des deutschen Ökostrommarktes.

Frage: Welchen Beitrag für die Umwelt hat ein Kunde, der seit Gründung Ihres Unternehmens von Ihnen mit Strom versorgt wird, durch Sie geleistet?

Andresen: Greenpeace Energy wird in diesem Jahr 15 Jahre alt. Wer schon von Anfang an hundertprozentigen Ökostrom von uns bezieht – das sind rund 1.700 Kunden – der hat natürlich zum einen eine beachtliche Menge an CO2-Emissionen vermieden. Legt man den jährlichen Durchschnittsverbrauch unserer Kunden von 2.700 Kilowattstunden zugrunde, dann wären dies pro Kopf rund 45 Tonnen CO2 – wenn der Strom, als Beispiel, stattdessen über 15 Jahre komplett in einem älteren Braunkohlekraftwerk erzeugt worden wäre. Darüber hinaus können sich unsere Kunden natürlich aber zu Recht als Pioniere der Ökostrombewegung sehen: denn durch ihr Vertrauen in Greenpeace Energy als politisch engagierten Strom-Anbieter haben sie uns als Verbraucher in den Debatten um die Energiewende konsequent unterstützt.

Frage: Was halten Sie von Ökostrom-Tarifen von Anbietern fossiler und atomarer Energie?

Kraftwerk, Photovoltaik, Windräder
Kohle-, Atom- oder Ökostrom? Der Verbraucher weiß in vielen Fällen nicht, woher sein Strom wirklich kommt. Foto: ReinhardT/Fotolia.com

Andresen: Zu Stromkonzepten und -tarifen von konkreten Mitbewerbern äußern wir uns in der Regel nicht. Grundsätzlich ist unsere Position aber, dass wir Ökostrom-Angebote, die nicht aus erneuerbaren Energiequellen stammen, auch nicht befürworten können. Vielfach findet hier ein „Greenwashing“ statt, das heißt, dass sogenannter „Graustrom“ aus unterschiedlichen Quellen – also auch aus Atom- oder Kohlekraftwerken – zu Grünstrom umetikettiert wird und keinen zusätzlichen Nutzen für die Energiewende beinhaltet.

Frage: Die Atomreaktor-Katastrophe von Fukushima scheint heute schon fast wieder vergessen. Wie wirkt sich diese Vergessenheit auf Ihre Kundenzahl aus?

Andresen: Die Katastrophe von 2011 ist für viele Menschen – gerade in Deutschland – noch immer sehr präsent. Das Thema Atomkraft ist hochaktuell, vor allem in Hinblick auf die Endlagersuche oder auf neue Atomprojekte in Europa. Und die Lage in Fukushima gibt auch heute noch keinerlei Anlass zur Entwarnung. Zwar hat sich hierzulande die Wechselbereitschaft der Verbraucher aus Angst vor den Risiken der Atomkraft seit 2011 etwas gelegt. Dennoch können wir noch immer ein leichtes, aber kontinuierliches Wachstum bei der Kundenzahl verzeichnen.

Frage: Sie sind mit Ihrem Ökoenergie-Angebot in Deutschland erfolgreich. Umweltfreundliche Erfolgsgeschichten wie der Grüne Punkt sind ein Exportschlager geworden. Wie sehen Ihre Pläne aus, Ökoenergie-Produkte im Ausland anzubieten?

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Janne Andresen, Referentin Energiepolitik bei Greenpeace Energy. Foto: Enver Hirsch/Greenpeace Energy eG

Andresen: Wir sehen uns weiterhin als Stromanbieter für den deutschen Markt. Allerdings haben wir schon in der Vergangenheit durch Beratungen, Vorträge und Netzwerkarbeit unser Know-how als Versorger in andere Länder exportiert, um dortige Ökostrom-Branchen zu stärken. Dieses Engagement wollen wir fortsetzen.

Frage: Jeder hat seine eigene Idee, wie die Energiewende umzusetzen ist. Wenn Sie einen „Energie-Gesetzes-Wunsch“ frei hätten, wie würde er lauten?

Andresen: Da hätten wir mit Sicherheit mehr als nur einen Wunsch – aber einer wäre: Wir würden uns ein Gesetz wünschen, welches dafür sorgt, dass die externen Kosten der Stromproduktion der unterschiedlichen Energieträger mit eingepreist werden – und so Wettbewerbsverzerrungen auf dem Strommarkt verhindert werden. Derzeit nämlich sind Atom- und Kohlestrom so billig, weil die Produktions- und Folgekosten dieser Energieträger für Entsorgung oder Umweltschäden nicht betrachtet werden. Die Kosten aber muss der Steuerzahler an anderer Stelle aufbringen.

Frage: Seit 2004 hat sich Ökoenergie in Deutschland äußerst positiv entwickelt. Wo steht Deutschland ökoenergietechnisch in 10 Jahren?

Andresen: Wir können nur hoffen, dass wir dann mehr grünen Strom produzieren, als von der derzeitigen Bundesregierung geplant – diese hat ja in ihrer EEG-Reform einen Anteil erneuerbarer Energien von 40 bis 45 Prozent für das Jahr 2025 vorgesehen. Da wünschen wir uns natürlich deutlich mehr. Zugleich kämpfen wir dafür, dass auch in Zukunft eine breite Bürgerbeteiligung am Neubau und Betrieb von Ökostrom-Anlagen möglich sein wird, um die Energiewende nicht allein den großen Konzernen zu überlassen. Auch in diesem Punkt könnten sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen allerdings aus unserer Sicht künftig verschlechtern.

Frage: Deutschland sieht sich gern als globaler Vorreiter in Sachen Ökoenergie und -technologie. Was ist dran an der Ökoenergie-Nation Deutschland?

Andresen: Vor allem beim Ausbau der Ökostrom-Produktion hat Deutschland einen guten Start hingelegt, in anderen Bereichen wie Wärme oder grüne E-Mobilität hinken wir allerdings immer noch etwas hinterher. Das EEG ist grundsätzlich eine Erfolgsstory, die auch weltweit Beachtung findet und in anderen Ländern kopiert wurde. Derzeit stehen wir aber, auch wegen der aktuellen EEG-Reform, an einem Punkt, an dem sich entscheiden könnte, ob wir auch künftig Vorreiter beim Ausbau der Erneuerbaren sein werden – oder nicht.