Ein Kohleausstieg bis 2030, die Senkung der deutschen CO2-Emissionen auf Null bis zum Jahr 2040 – anders kann Deutschland seine völkerrechtlich verbindlichen Verpflichtungen aus dem globalen Klimaschutzabkommen von Paris nicht erfüllen, da sind sich die meisten Fachleute einig. Noch allerdings stellt sich die Frage, mit welchem Mix von Maßnahmen und Gesetzen diese Ziele erreicht werden können und wie das deutsche Energiesystem gerecht, bezahlbar und versorgungssicher zugleich so umgestaltet werden kann, dass die erneuerbaren Energien alle Sektoren der Wirtschaft – von Wärme über Verkehr bis Haushalte, Gewerbe und Industrie – bis 2040 zu 100 Prozent mit sauberer Energie versorgen können, vor allem mit erneuerbarem Strom.

Diese Fragen diskutieren Wissenschaftler und Spezialisten verschiedener Ministerien heute auf einer Fachkonferenz des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE e.V.) in Berlin, bevor am Abend der BEE-Neujahrsempfang 2018 die gesamte Erneuerbaren-Branche und viele Gäste aus Politik, Ministerien und Gesellschaft versammelt (ein eigener Bericht zum Event folgt). Greenpeace Energy ist bei beiden Veranstaltungen vertreten.

Für spannende Debatten ist also gesorgt, wenn die Fachkonferenz im Berliner Hotel Maritim proArte tagt: Präsentiert werden dort Konzepte für eine wirksame CO2-Steuer für den Stromsektor ebenso wie für den Wärmesektor. Zudem stellt der BEE eine neue, von Greenpeace Energy unterstützte Studie zur Sektorenkopplung vor, die vom Fraunhofer IWES-Institut und der Energieberatungsfirma E4tech erstellt wurde: „Das gekoppelte Energiesystem – Vorschläge für eine optimale Transformation zu einer erneuerbaren und effizienten Energieversorgung„. Die Studie untersucht die bestehenden Hindernisse für die Sektorenkopplung und präsentiert Vorschläge zu deren Überwindung: „Das sind wichtige Erkenntnisse für die Politik. Denn eine erfolgreiche Energiewende in Deutschland ist ohne die Sektorenkopplung nicht zu schaffen“, sagt Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation der Hamburger Energiegenossenschaft.

Michael Friedrich von Greenpeace Energy (re.), BEE-Energiepolitikleiter Carsten Pfeiffer (Mitte) und Norman Gerhardt vom Fraunhofer-IWES-Institut diskutieren über Workshop-Ergebnisse. Alle Fotos: Christoph Rasch / Greenpeace Energy eG

Die Sektorenkopplung ermöglicht es, alle Bereiche der Volkswirtschaft – von Haushalten bis Industrie, vom Verkehrs- bis zum Wärmesektor – effizient mit erneuerbaren Energien zu versorgen, auch jene Sektoren, die bei der Senkung der CO2-Emissionen bislang keine oder kaum Fortschritte gemacht haben. Ausgangspunkt ist dabei vor allem grüner Strom aus Wind- und Solarenergie, der entweder direkt oder zum Beispiel durch eine Umwandlung zum Beispiel per Elektrolyse in allen Wirtschaftssektoren genutzt werden kann.

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) hielt die Festrede auf dem BEE-Neujahrsempfang. Einen CO2-Preis hält er nur dann für sinnvoll, wenn dies keine Arbeitsplätze gefährde, sagte er am Abend.

„Insbesondere die Windgas-Technologie hat dabei eine zentrale Bedeutung“, sagt Marcel Keiffenheim: „Sie liefert mit erneuerbarem Wasserstoff und Methan nicht nur klimafreundlichen Ersatz für chemische Grundstoffe, die bislang allein aus Kohle, Öl und Erdgas erzeugt wurden, oder für fossile Kraftstoffe, wo Batterien technisch nicht einsetzbar sind – wie im Schiffs- und Flugverkehr. Windgas ist zugleich systemnotwendig für die Versorgungssicherheit in Deutschland, wenn spätestens ab dem Jahr 2030 erneuerbare Energien den größten Teil der Stromversorgung übernommen haben.“

Fotostrecke: Greenpeace Energy lädt zum Erneuerbaren-Wettrennen auf dem Neujahrsempfang des BEE

Abseits von Fachgespräch und Podien bot die Energiegenossenschaft in diesem Jahr etwas ganz Besonderes: Die Gäste konnten sich ein Autorennen mit 100% erneuerbarer Antriebskraft liefern – auf unserer Carerrabahn, an die zwei Fahrräder als Antriebsquelle angeschlossen waren. Auch die neue Grünen-Chefin Annalena Baerbock stieg in den Sattel – und hatte sichtlich Vergnügen an dieser Art erneuerbarer Fortbewegung.

Greenpeace Energy unterstützt deshalb den Ansatz des BEE, faire Wettbewerbsbedingungen für alle technologischen Lösungen zu schaffen, die eine erfolgreiche Kopplung der verschiedenen Energiesektoren ermöglichen. Dazu werden in der BEE-Studie diverse gesetzgeberische und regulatorische Maßnahmen untersucht, mit denen die nächste Bundesregierung die Sektorenkopplung voranbringen kann. „Für uns geht es dabei nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-Als-Auch“, sagt Keiffenheim. „Denn die Zeit drängt. Deshalb muss jetzt jede sinnvolle Sektorenkopplungsmaßnahme ergriffen werden, die hilft, dass Deutschland seine völkerrechtliche Verpflichtung aus dem Weltklimavertrag von Paris erfüllen und bis 2040 sämtliche Klimaziele erreichen kann.“

Grafik aus der BEE-Sektorenkopplungsstudie: So können die Hindernisse überwunden werden – auch für Windgas

Eine der diskutierten Maßnahmen der künftigen Bundesregierung könnte – und sollte! – der Ersatz der Stromsteuer durch eine CO2-Steuer sein. Diese würde die heutige Marktverzerrung zugunsten fossiler Kraftwerke endlich beenden, die durch sie verursachte Klima-, Umwelt- und Gesundheitskosten bisher auf die Gesellschaft abwälzen. Eine klug ausgestaltete CO2-Steuer würde zugleich die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien verbessern – was wiederum die EEG-Umlage senken würde.

Gäste auf dem Neujahrsempfang des BEE.

Ein Ersatz der Stromsteuer durch eine CO2-Steuer hätte positive Wirkungen. So würde eine CO2-Steuer eine entscheidende Benachteiligung erneuerbarer Energien auf den Elektrizitätsmärkten mildern: Bei erneuerbaren Energien fließen sämtliche durch die jeweiligen Technologien verursachten Kosten transparent in den Strompreis ein. Bei fossilen Energien hingegen spiegeln sich die durch sie verursachten Klimaschäden, Verschmutzungen und Gesundheitsfolgen nur in geringem Umfang im Preis wider. Da im aktuellen Strommarkt der Einsatz von Kraftwerken in der Reihenfolge ihrer jeweiligen Kosten erfolgt, wird dieser Markt ohne eine CO2-Besteuerung erheblich verzerrt. So kommen fossile Kraftwerke derzeit zu oft zum Zug, was das Klima belastet – aber auch die Bürgerinnen und Bürger, da sie die hohen Folgekosten konventioneller Energieträger letztlich bezahlen. „In der kommenden Legislaturperiode muss die nächste Bundesregierung bei der wirksamen Bepreisung von CO2-Emissionen dringend aktiv werden“, sagt Marcel Keiffenheim. Dies gilt ebenso für den Wärmesektor.

Mit einer wirkungsvollen CO2-Steuer ließen sich sämtliche Klimaziele der Bundesrepublik erreichen, wie eine Studie aus November 2017 zeigt: Die Studie „Wirkungsweise einer CO2-Steuer im Strommarkt“ von Energy Brainpool für den BEE, deren Erstellung der Ökoenergieanbieter Greenpeace Energy ebenfalls finanziell unterstützt hat, liefert wichtige Impulse, wie eine nationale CO2-Steuer ausgestaltet werden könnte.